Brückenschlag online

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Leitartikel (Editorial) Oktober 2005:


Liebe Leserin, lieber Leser !


WAS BLEIBT ?

Nach der großen Flut hat Noah gehört:
"SOLANGE DIE ERDE STEHT, SOLL NICHT AUFHÖREN SAAT UND ERNTE, FROST UND HITZE, SOMMER UND WINTER, TAG UND NACHT."

Das gilt immer noch. Deshalb konnten wir auch in diesem Jahr wieder Erntedankfest feiern. Wir haben dankbar gefeiert: Noch immer gibt Gottes gute Erde her, was wir zum Leben brauchen.

Wir haben nachdenklich gefeiert, New Orleans vor Augen und im Sinn: Die große Flut, vorhersehbar, angekündigt, hat seine Bewohner trotzdem unvorbereitet getroffen. Von einem Tag zum andern ist alles untergegangen, was sie zum Leben hatten. Das von der Ölförderung zerstörte Marschland an der Küste konnte die Stadt nicht mehr schützen. Wenn "Saat und Ernte", unsere Lebensgrundlagen, in Frage stehen, für Viele eines Tages doch "aufhören", liegt es nicht an der Erde, sondern an uns - was wir drauf treiben und draus machen.

Und wenn wir alles zugrunde richten, alles verderben, wenn uns die Felle wegschwimmen und der Boden unter unseren Füßen nicht mehr trägt, wenn uns alles zusammenbricht, worauf wir uns verlassen wollten, wenn alles außer Kontrolle gerät und die Angst vor Morgen übermächtig wird - was dann?

"DAS WILL ICH MIR ZU HERZEN NEHMEN, DARUM WILL ICH HOFFEN: DIE GÜTE GOTTES HÖRT NICHT AUF, SEIN ERBARMEN IST NOCH NICHT AM ENDE. NEU SIND SIE AN JEDEM MORGEN. GROSS IST DEINE TREUE." (Klagelieder 3,21-23)

Jerusalem, 587 vor Christus.
Die Stadt ist untergegangen, durch Schuld, durch Krieg zerstört. Im unsäglich grauenhaften Chaos des Zusammenbruchs haben ihre Bewohner alles verloren: ihr tägliches Brot, Haus, Heimat, Ordnung und Anstand, den Tempel, ihren Glauben, ihren Gott. Der ist fern und stumm und "wie ein Feind". "Schweigend sitzen sie am Boden".

Nur eine Stimme ist noch zu hören. Die jammert nicht, schimpft nicht, verurteilt nicht, triumphiert nicht schadenfroh, brüstet sich nicht mit überlegener Glaubensstärke. Sie erinnert. Erinnert die Leute von Jerusalem nüchtern an das, was wir immer gehört, erzählt, geglaubt, bekannt haben: An Gottes Güte und Erbarmen.

Das ist alles, was von Gott übrig ist. Zwei Worte: GÜTE und ERBARMEN: Wenn doch nur die, wenigstens die im Kopf und im Herzen blieben!

GÜTE: Einer, eine sieht mich nicht ungnädig und missgünstig an, sondern liebevoll und freundlich. Einer, eine ist mir wohlgesonnen und treu, ist mit mir solidarisch.

ERBARMEN: Wie es mir geht, geht einem anderen an die Nieren; es zerreißt ihm um meinetwillen das Herz. Jemand hat mit Leidenschaft Mitleid mit mir.

GÜTE und ERBARMEN - zwei Worte nur, aber weil sie von Gott sind, weil Gott in ihnen ist, weil sie nicht von Gott zu trennen sind, sind sie nicht nur schöne oder schwächliche, sondern Kraftworte.

Güte und Erbarmen: Gottes erneuerbare und nachhaltige Energien für die Welt. Nicht zu verbrauchen, nicht zu erschöpfen, nie veraltet, nie untauglich, verlässlich für uns da wie "Sommer und Winter, Tag und Nacht". Jeden Morgen frisch und neu. Neu zu entdecken, überraschend zu finden, wo wir sie vielleicht nicht vermutet hätten, neu zu ergreifen und zu wagen. Güte und Erbarmen: das Einzige, was uns immer bleibt, was uns letzten Endes weiterhilft.

Wir sind gefragt, ob wir davon Gebrauch machen wollen, ob wir uns bei allem, was wir wahrnehmen und weitererzählen, treiben und wählen, von Güte und Erbarmen leiten lassen - so, dass wir denen, die arm dran sind, gerecht werden. Das wäre im Sinne Gottes - und heilsam für uns.

Das wäre wahrhaftig ein neuer Anfang - für Deutschland und für uns.

Herzlich, Ihr Jürgen Wehrmann
 
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Monatsspruch Oktober 2005:

Vertrau Ihm, Volk Gottes,
zu jeder Zeit!
Schüttet euer Herz vor ihm aus!
Denn Gott ist unsere Zuflucht.

Psalm 62,9

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