WAS BLEIBT ?
Nach der großen Flut hat Noah gehört:
"SOLANGE DIE ERDE STEHT,
SOLL NICHT AUFHÖREN SAAT
UND ERNTE, FROST UND HITZE,
SOMMER UND WINTER, TAG UND
NACHT."
Das gilt immer noch. Deshalb konnten
wir auch in diesem Jahr wieder Erntedankfest
feiern. Wir haben dankbar
gefeiert: Noch immer gibt Gottes gute
Erde her, was wir zum Leben brauchen.
Wir haben nachdenklich gefeiert,
New Orleans vor Augen und im Sinn:
Die große Flut, vorhersehbar, angekündigt,
hat seine Bewohner trotzdem unvorbereitet
getroffen. Von einem Tag
zum andern ist alles untergegangen,
was sie zum Leben hatten. Das von der
Ölförderung zerstörte Marschland an
der Küste konnte die Stadt nicht mehr
schützen. Wenn "Saat und Ernte", unsere
Lebensgrundlagen, in Frage stehen,
für Viele eines Tages doch
"aufhören", liegt es nicht an der Erde,
sondern an uns - was wir drauf treiben
und draus machen.
Und wenn wir alles zugrunde richten,
alles verderben, wenn uns die Felle
wegschwimmen und der Boden unter
unseren Füßen nicht mehr trägt, wenn
uns alles zusammenbricht, worauf wir
uns verlassen wollten, wenn alles außer
Kontrolle gerät und die Angst vor Morgen
übermächtig wird - was dann?
"DAS WILL ICH MIR ZU HERZEN
NEHMEN, DARUM WILL ICH HOFFEN:
DIE GÜTE GOTTES HÖRT
NICHT AUF, SEIN ERBARMEN IST
NOCH NICHT AM ENDE. NEU
SIND SIE AN JEDEM MORGEN.
GROSS IST DEINE TREUE."
(Klagelieder 3,21-23)
Jerusalem, 587 vor Christus.
Die Stadt ist untergegangen, durch
Schuld, durch Krieg zerstört. Im unsäglich
grauenhaften Chaos des Zusammenbruchs
haben ihre Bewohner alles
verloren: ihr tägliches Brot, Haus, Heimat,
Ordnung und Anstand, den Tempel,
ihren Glauben, ihren Gott. Der ist
fern und stumm und "wie ein Feind".
"Schweigend sitzen sie am Boden".
Nur eine Stimme ist noch zu hören.
Die jammert nicht, schimpft nicht, verurteilt
nicht, triumphiert nicht schadenfroh,
brüstet sich nicht mit überlegener
Glaubensstärke. Sie erinnert. Erinnert
die Leute von Jerusalem nüchtern an
das, was wir immer gehört, erzählt, geglaubt,
bekannt haben: An Gottes Güte
und Erbarmen.
Das ist alles, was von Gott übrig ist.
Zwei Worte: GÜTE und ERBARMEN:
Wenn doch nur die, wenigstens die im
Kopf und im Herzen blieben!
GÜTE: Einer, eine sieht mich nicht
ungnädig und missgünstig an, sondern
liebevoll und freundlich. Einer, eine ist
mir wohlgesonnen und treu, ist mit mir
solidarisch.
ERBARMEN: Wie es mir geht, geht
einem anderen an die Nieren; es zerreißt
ihm um meinetwillen das Herz.
Jemand hat mit Leidenschaft Mitleid
mit mir.
GÜTE und ERBARMEN - zwei
Worte nur, aber weil sie von Gott sind,
weil Gott in ihnen ist, weil sie nicht
von Gott zu trennen sind, sind sie nicht
nur schöne oder schwächliche, sondern
Kraftworte.
Güte und Erbarmen: Gottes erneuerbare
und nachhaltige Energien für die
Welt. Nicht zu verbrauchen, nicht zu
erschöpfen, nie veraltet, nie untauglich,
verlässlich für uns da wie
"Sommer und Winter, Tag und
Nacht". Jeden Morgen frisch und neu.
Neu zu entdecken, überraschend zu
finden, wo wir sie vielleicht nicht vermutet
hätten, neu zu ergreifen und zu
wagen. Güte und Erbarmen: das Einzige,
was uns immer bleibt, was uns
letzten Endes weiterhilft.
Wir sind gefragt, ob wir davon
Gebrauch machen wollen, ob wir uns
bei allem, was wir wahrnehmen und
weitererzählen, treiben und wählen,
von Güte und Erbarmen leiten lassen -
so, dass wir denen, die arm dran sind,
gerecht werden. Das wäre im Sinne
Gottes - und heilsam für uns.
Das wäre wahrhaftig ein neuer Anfang
- für Deutschland und für uns.
Herzlich, Ihr Jürgen Wehrmann
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