Predigt von Rev. Simon Hobbs (London)
Reformationstag 2006 in unserer Gemeinde
Reformationstag
Es ist eine große Freude, heute morgen bei Ihnen die Predigt halten zu dürfen, und aus-gerechnet am Reformationstag. Also ein paar Gedanken zum Thema Reformation aus anglikanischer Perspektive. Diesen Tag feiert die anglikanische Kirche nicht, vielleicht weil wir uns nicht so sicher sind, was wir da feiern sollten. Für die evangelische Kirche ist es ja klar: man feiert den Tag an dem Luther die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt haben soll und damit die Reformation eingeführt hat. Die englische Reformation hat einen anderen Ursprung gehabt - na ja die Engländer müssen eben alles immer anders machen - Die Ursprünge unserer Reformation hatten nichts mit der Theologie zu tun, eher mit dem Wunsch Heinrich des Achten, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Da der Papst aus politischen Gründen zu dieser Scheidung nicht einwilligen wollte, ließ der König im Jahre 1532 ein Gesetz verabschieden, das die englische Kirche vom Papst trennte. In den Gemeinden lief aber alles ungeändert weiter: die Messe wurde immer noch auf Lateinisch gesungen, die Priester durften nicht heiraten und das Verleugnen der Transubstantionslehre war immer noch mit dem Tode strafbar. Nur nach Heinrichs Tod wurde die Kirche in evangelische Richtung reformiert; später, in der Regierungszeit von Mary wurde sie wieder katholisch und erst als Elisabeth die Erste den Thron bestieg geschah etwas typisch Englisches, nach dem Motto, wir dürfen den anderen nicht unhöflich sein; die Kirche wurde so gestaltet, dass sowohl Katholiken und Protestanten in ihr ein Zuhause finden konnten. Die anglikanische Kirche nennt sich immer noch eine katholische UND reformierte Kirche. Die englische Reformation war also kein einmaliges Geschehnis, sondern eine Entwicklung. Die Engländer interessieren sich sowieso nicht für theoretische Abstraktionen, das machen ja die Franzosen und die Deutschen. Die Engländer sind ja eher prak-tisch veranlagt, deswegen läuft alles in England so chaotisch, aber man ist durch unsere Reformationsgeschichte trotzdem auf eine bedeutungsträchtige Idee gekommen: die "ecc-lesia semper reformanda", die sich stets reformierende Kirche. Aus anglikanischer Perspektive feiern wir also nicht einen bestimmten Tag im Jahre 1532, sondern eine Eigen-schaft der Kirche, egal ob katholisch oder evangelisch, und es ist zwar dringend nötig dass wir diese Idee im Auge behalten, denn wir stehen meiner Meinung nach mitten in einer neuen Reformation, die genau so wichtig ist wie die erste, und diese Reformation ist eine Entwicklung, kein Geschehnis.
Der Wegbereiter der ersten Reformation war eine neue innovative Kommunikationstechnik: die Druckpresse. Der Wegbereiter der heutigen Reformation ist eben eine innovative Kommunikationstechnik: das Internet. Es wird unsere Welt auf ganz unvorstellbare Weise verändern, inklusive der Kirche. Schon gibt es die sogenannten Cyber Churches, Internet-Kirchen, Internet-Seelsorge. Aber das Internet verändert auch unsere Denkweise: jeder kann ein weltweites Publikum für seine Meinungen finden und ist nicht mehr den Experten oder seinen Vorgesetzten unterstellt. Es wird also immer schwieriger im Zeitalter des extremen Individualismus für die Kirche eine von Allen anerkannte Botschaft zu verkündigen.
Wenn wir uns in einem Zeitalter befinden, in dem sich alles um uns herum blitzschnell ändert, kann es sehr verblüffend sein. Wir wissen nicht mehr was wir tun sollten oder wie wir auf diese Änderungen reagieren sollten. Der Heimrechner ist nur 25 Jahre alt und das Internet ungefähr 15 Jahre alt. Gleichzeitig hat sich alles so verändert dass man das Gefühl hat in einer völlig neuen Welt zu leben: Ich muss Ihnen nicht erklären wie sich unsere Welt in den letzten 25 Jahren verändert hat. Wie sollten wir als Christen auf diese verwirrende neue Welt reagieren. Sehr viele Christen haben darauf reagiert, indem sie die Zugbrücke angehoben und sich in ihre private Welt zurückgezogen haben, wo alles beim Alten bleibt. Ich denke insbesondere an die fundamentalistische Richtung in unseren Kirchen, die die moderne Welt ablehnt. Ich rede hier nicht von Computern oder so, sondern zum Beispiel von der Einstellung zur Frauenrolle oder zu anderen ethischen Fragen. Wie kann man sonst erklären dass 53% der Amerikaner an den Kreationismus glauben? Dieser Glaube beruht leider auf Angst vor der Zukunft. Aber was hat Glaube mit Angst zu tun? Hatte Luther etwa Angst vor der Zukunft? Unwahrscheinlich.
Wir evangelischen und anglikanischen Christen glauben aber an Reformation. Und das heißt, dass wir an eine sich stets reformierende Kirche glauben, die sich den Herausforderungen des neuen Zeitalters stellen kann.
"Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit! Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid. Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht, der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht." So die zweite Strophe des Lieds, das wir zum Schluss des Gottesdienstes singen werden. Glaube heißt, dass auch die Zukunft und nicht die Vergangenheit Gott gehört; wir werden Gott auch hier begegnen, in dem was uns durchaus neu und fremd vorkommt.
Als Priester muss ich zugeben, dass ich in dieser Hinsicht allzu oft von der Kirche enttäuscht worden bin. Und ich kann an dieser Stelle nur von meiner eigenen Kirche reden natürlich. Meine Kirche hat es sich allzu oft bequem gemacht und diesen neuen Wegen gar nicht vertraut. Warum muss die Kirche so oft auf neue Entwicklungen so negativ und ablehnend reagieren? Die anglikanischen Bischöfe haben alle - einstimmig - im House of Lords gegen die Abschaffung der Sklaverei abgestimmt. Nicht gerade beeindruckend. Die neuen Impfstoffe des neunzehnten Jahrhunderts wurden als Teufelswerk verurteilt. Sehr vernünftig. Auch heute tun wir uns schwer mit der Frage der Einweihung der Frauen zum Bischofsamt. Die anglikanische Kirche ist in England die einzige öffentliche Institution, die sich der europäischen Menschenrechtskonvention gesetzlich enthält. Ich bin nicht sehr stolz darauf. Das ist wirklich eine Kirche der Reformation? Auf der anderen Seite muss ich hinzufügen, dass es gläubige Christen waren, die die Abschaffung des Sklavenhandels und der Kinderarbeit eingeführt haben, eben weil sie Gott vertrauten, sie dahin zu leiten, wo er uns will. Ihr Gott war ein Gott der Zukunft. Sie glaubten an Reformation.
Wenn die Kirche nicht an Reformation glaubt, dann staut unsere Theologie und dann fan-gen wir dann echt dummes Zeug zu reden: die Erde ist eine Schiebe oder wurde vor 6000 Jahren erschaffen und so. Aber am schlimmsten ist es ein Zeichen dafür, dass wir Gott nicht wirklich vertrauen, und dass wir Angst vor seiner Zukunft haben. All das bedeutet natürlich nicht, dass jede neue theologische oder gesellschaftliche Entwicklung zu begrüßen ist, oder dass jeder, der sich diesen neuen Entwicklungen gegenüber zurückhaltend verhält weg vom Fenster ist. Natürlich nicht. Wir glauben an Reformation nicht Revolution. Wir müssen offen sein aber nicht naiv.
Und wie sieht es in den Gemeinden aus? Ich kann Ihnen diese Frage stellen eben weil ich diese Gemeinde nicht kenne! Glaubt diese Gemeinde an Reformation, Revolution oder an Tradition. Die Tradition bedeutet normalerweise das, was Pfarrer x vor 50 Jahren gemacht hat. In den Gemeinden ist die Spannung zwischen Alt und Neu immer schwer zu verhandeln. Wenn sich nichts ändert wird die Kirche zu einem Museum oder zu einem Club der Gleichgesinnten, wenn sich alles zu schnell ändert kann es zu verwirrend werden. Aber Reformation nicht Revolution.
Und wie ist das alles aus der Bibel zu rechtfertigen? Die Reformatoren waren davon über-zeugt, dass die Botschaft Christi im Laufe der Jahrhunderte verdorben sei und ihnen ging es darum diese ursprüngliche Botschaft wieder herzustellen, wieder lebendig und verständlich zu machen. Um den Reformatoren treu zu bleiben, müssen wir das gleiche machen, die Botschaft in jeder Generation neu interpretieren, wieder lebendig und verständlich machen. Das ist der Auftrag den jeder anglikanische Priester bei seiner Ordination und bei jedem neuen Amtsantritt vom Bischof erhält.
Also ein oder zwei Beispiele. Jesus - wie auch nebenbei Mohammed - war in seiner Einstellung zu Frauen in der Gesellschaft sehr fortschrittlich. Was ist wichtiger, dass wir auch in unseren Tagen im Geiste Jesu auch fortschrittlich sein und Ungerechtigkeit ablehnen, oder dass wir genau die gleiche Stellungnahme von Jesus haben trotz der völlig veränderten Gesellschaft in der wir heute leben? zum Beispiel dass in seinem Zeitalter die Frau Besitz des Mannes war. Im Norden Englands, wo ich aufwuchs ist es übrigens anders rum, da haben die Männer absolut keine Chance!
Zweites Beispiel. Das Evangelium das wir heute gehört haben ist der Kern der Botschaft. Wir fassen uns heute mit großem Lärm mit Fragen der Ethik. Was ist christliche Moral. Es gibt so viele Fragen worüber sich Christen so sehr streiten: Sexualethik, Abtreibung, Gewalt, Geld usw. Es ist alles sehr verwirrend. Aber aus dem Evangelium hören wir eine sehr klare Antwort. Im Matthäus-Evangelium wird Jesus als der neue Mose dargestellt. Der Lauf seiner frühen Jahre spiegeln die des Mose ganz bewusst wider. Die erstgeborenen werden umgebracht, der Aufenthalt in Ägypten, der "Durchzug" durch den Jordan, die 40 Tage in der Wüste und dann der Berg worauf Jesus die neuen Gebote verkündigte. Und was sind diese neuen Gebote? Das sind aber keine Gebote, das sind Seligpreisungen. Der Kern der neuen christlichen Ethik sind also keine Gebote sondern Werte, Eigenschaften, die wir uns zu eigen machen sollten. Wenn wir geistlich arm sind, sanftmütig, barmherzig usw dann werden wir diese Eigenschaften auch ausleben und so handeln. Sexualethik mag zwar wichtig sein ist aber nicht der Kern unseres Glaubens. Eine Kirche der Re-formation muss uns also zurück auf die Wurzeln und auf das Wesentliche unseres Glaubens hindeuten damit wir uns den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft stellen können und Gott wieder lebendig machen.
Meine Kirche ist dabei sich über Fragen der Sexualethik zu spalten. Eine neue Reformation der schlimmsten Art. Aber Jesus lehrt uns dass Barmherzigkeit, Sanftmut am wichtigsten sind. So sind die Kinder Gottes; nicht die, die eine reine Theologie haben oder sich gegen neue Einsichten der Wissenschaft sträuben. Das ist für uns alle denke ich eine Herausforderung.
Also feiern wir in dieser Woche eine Kirche, die aufgefordert ist, die Botschaft Jesu in dieser Generation neu und lebendig zu machen, damit das Leben Gottes in uns wahr werden wird. Die Kirche muss also semper reformanda sein.
"Vertraut den neuen Wegen auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit."