Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde! So, liebe Gemeinde, steht es hier vor der Sühne-Christi-Kirche an der Gedenkmauer - mit dem Bild vom Brudermord beginnt der Bilderzyklus des Plötzenseer Totentanzes in unserem Gemeindezentrum Plötzensee. Die Geschichte vom Brudermord - wir haben sie gerade noch einmal gehört - die Geschichte vom ersten Mord, eine "Ur-Geschichte" der Menschheit; hier in Charlottenburg-Nord in der Nachbarschaft der Plötzenseer Gefängnisse ist sie Stein und Bild gewordene Mahnung - weil sie hier lebendige Erfahrung war.
Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde! mahnt uns der Gedenkstein vor der Tür und hält die Erinnerung wach an das viele Blut der Schwestern und der Brüder, das vergossen wurde, seit das menschliche Morden mit Kain und Abel seinen Lauf nahm. Die Namen an der Gedenkmauer erinnern symbolisch an einige der schrecklichsten Orte des Blutvergießens. Mauern, Hiroshima, Auschwitz, Plötzensee. Andere Namen hätten in den letzten 40 Jahren hinzukommen können - die Reihe reißt - Gott sei's geklagt - nicht ab.
Ein besonders grausames Kapitel der blutrünstigen Menschheitsgeschichte steht heute im Mittelpunkt: auch das Blut, das in den Nächten vom 7. - 12. September 1943 in Plötzensee vergossen wurde, schreit zu uns von dieser Erde! Harald Poelchaus Bericht davon - wir haben ihn am Anfang noch einmal gehört - ist gleichsam Anklage und Klagepsalm in einem.
Horch, das Blut deines Bruders / deiner Schwester schreit zu mir von der Erde! mahnt uns also auch die Erinnerung an die Blutnächte von Plötzensee. Denn es scheint - wir Menschen müssen gemahnt und erinnert werden. Schon die bibli-schen Erzähler haben es gewusst. Sie setzen diese Ur-Geschichte vom Brudermord gleich neben die andere Ur-Geschichte: Auf das Versagen des Menschen gegen-über Gott und die Vertreibung aus dem Paradies folgt in bewusster Entsprechung dieser zweite Sündenfall: das fundamentale Versagen des Menschen gegenüber dem Menschenbruder, der Menschenschwester. Wie oft haben seither Menschen gegenüber ihren Geschwistern versagt: in Plötzensee, in Auschwitz, in Hiroshima, auf dem Balkan, in Ruanda, in Israel und Palästina, in New York, in Kabul, in Bagdad und so weiter und so weiter und so weiter ... die Liste wäre endlos! Eine Ur-Geschichte!
Auch vom Ur-Motiv erzählt die Ur-Geschichte: das Ur-Motiv dieses ersten Mordes: der ungleiche Lebenserfolg der Menschengeschwister und der damit verbundene Vorrang, die damit verbundene Macht: "Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an." Der ungleiche Erfolg, die Vorrangstellung, die damit verbundene Macht löst die Kette von Neid, Aggression, Heimtücke und Gewalt aus. Zur Sicherung der eigenen Macht muss jede Bedrohung unmöglich gemacht werden; konsequent und radikal ausgerottet muss werden, wer mein System bedroht, meine Macht in Frage stellt - das war bei Kain und Abel so und das war auch - perfide und absurd - im nationalsozialistischen Machtdenken so: - So fand zum Beispiel der Kaufmann William Bauer aus Meißen als eines der ersten Opfer in Plötzensee den Tod, weil er - angeblich - einem Bäckerehepaar gegenüber seine Sorge vor dem "Kram mit Hitler" ausgedrückt haben soll. - Und der Pianist Karlorobert Kreiten wurde "wegen Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt. Er hatte einer Verwandten gegenüber einen Witz über Adolf Hitler gemacht. Originalton Volksgerichtshof: "Kreiten hat durch übelste Hetzereien, Verleumdungen und Untertreibungen eine Volksgenossin in ihrer treuen und zuversichtlichen Haltung zu beeinflussen versucht und dabei eine Gesinnung an den Tag gelegt, die ihn aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließt."
Horch, das Blut deines Bruders / deiner Schwester schreit zu mir von der Erde! Wie die Geschichte von Kain und Abel, rufen auch die Blutnächte von Plötzensee eindringlich und mahnen uns, die wir "danach" leben, zu Verantwortung. Schon die Ur-Geschichte vom Brudermord kennt ein Leben "danach": das Leben geht weiter; die Bluttat hat die Lebensbedingungen verändert, reduziert die Lebensqualität des Menschen: Der Tatort ist kontaminiert, der Täter ist zu unsteter, flüchtiger Lebensweise gezwungen. Noch einmal davongekommen, lebt er fortan - jenseits von Eden - gesichert nur durch die göttliche Rachegarantie. Und doch: dieser Mensch - so ist in der Folge zu lesen - ist der Gründer der ersten Menschenstadt und dieser Mensch ist der Stammvater der Zivilisation, der sesshaften, wie der nomadischen. - Unser Stammvater! Eine eindrucksvolle Tatsache.
Eindrucksvoll für uns "danach" Lebende finde ich auch, dass schon in der Kain-und-Abel-Geschichte selbst das Gegenbild gleichermaßen aufleuchtet. Kain selber artikuliert es ja in seiner rhetorisch-frechen Gegenfrage: "Soll ich denn meines Bruders Hüter sein?" Der Erzähler geht darauf nicht ein - aber beim Hören drängt sich der Gedanke auf: Diese - von Kain rein hypothetisch formulierte und auch gleich als unmöglich zurückgewiesene - Vorstellung könnte genau das sein, was eigentlich der Bestimmung des Menschen gemäß und dem Leben dienlich wäre. "Soll ich denn meines Bruders / meiner Schwester Hüter sein?"
Die Jüdin Hilde Domin - selber früh aus Deutschland emigriert und in den 50er Jahren zurück gekommen - schreibt dazu ihr Gedicht "Abel Steh auf"
Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muss "Ja" sein können -
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzige wichtige Antwort
sich je verändern?
Wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst -
die erst falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt.
Steh auf,
damit Kain sagt,
damit er sagen kann:
Ich bin dein Hüter,
Bruder,
wie sollte ich nicht dein Hüter sein?
Täglich steh auf,
damit wir es vor uns haben,
dies "ja, ich bin hier! -
ich
dein Bruder."
Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten,
weil Kain nicht Kain wird.
Ich schreibe dies,
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort.
Die Luft meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte -
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen.
"Soll ich meines Bruders Hüter sein?" - die einzige Frage auf die es ankommt und das eindeutige Ja darauf - die einzig wichtige Antwort. Ja, ich bin dein Hüter - Bruder, Schwester - wie sollte ich nicht dein Hüter sein? - Damit es anders anfängt zwischen uns allen.
Hüter, Hüterin sein - das neu zu lernende Gegenbild leuchtet in der Ur-Geschichte schon auf. Und es wäre Tag für Tag von uns zu buchstabieren - auch als Lehre aus den Schandtaten von Plötzensee: Sorge zu tragen für unsere Mitmenschen, sich verantwortlich und zuständig wissen für das Leben und die Belange der Menschen-Geschwister, achtsam miteinander umgehen, die Taten und Worte zu wägen - auch als Finanzsenator! - die Abschaffung der Todesstrafe voran zu treiben - weltweit! "Abel steh auf - damit es anders anfängt - zwischen uns allen."
Aber "Abel steh auf" das ist doch eine Unmöglichkeit! Werden Sie einwenden. - Oder muss es immer wieder Abels geben, damit die Kains eine Chance bekommen, die Rolle besser zu lernen, das Hüter-Sein zu verweigern oder eben nicht?" Kann Hilde Domins Gedicht uns Ermutigung und Appell sein, der Wirklichkeitserfahrung des vergangenen Jahrhunderts mit seinen Millionen Opfern die Möglichkeit der noch offenen Antwort entgegenzusetzen und daraufhin zu leben?
Es könnte so sein und wäre für uns Christen vom Neuen Testament bezeugte Wirklichkeit: einmal, an Ostern ist ein "Abel" schon aufge-erstanden. Und seitdem ist nicht nur die begründete Hoffnung in der Welt, dass Gott an keinem erschlagenen Opfer und an keinem auf die Verliererstraße abgedrängten Leben vorbeigehen werde, sondern auch die Hoffnung auf ein neues Leben für "Kain". Denn eigentlich erhebt das Neue Testament doch den Anspruch, dass die "erste falsche Antwort" rückgängig gemacht ist, weil durch Jesus Christus ein neues Sein Wirklichkeit geworden ist: Der andere Umgang mit der Ungleichheit der Lebenserfolges, der Verzicht auf Gewalt und Hass, das Nicht-Verweigern des Hüter-Seins sind durch Jesus Christus ermöglicht, ja neues Gebot. Wie wenig aber haben wir Christen dies begriffen.
So mündet die Gedenkmauer von draußen, indem sie ihren Weg über Golgatha nimmt, mit Recht in diese "Sühne-Christi"-Kirche, die in ihrem Namen genau das trägt: Jesus Christus trägt und erträgt unsere immer wieder falschen Antworten und weist mit Abels Hilfe den Weg - eine jede / ein jeder von uns kann ein neuer Kain - Hüterin und Hüter des Bruders, der Schwester - werden. Das Gedenken der Blutnächte von Plötzensee ist für mich in dieser Weise ein weiteres Mal Ansporn zum Handeln. Und so - indem wir diesen Ansporn der Erinnerung ernst nehmen - so könnte Gott doch selbst aus dem Bösesten noch Gutes entstehen lassen. Amen
Pfarrer Carsten Bolz, 07.09.2003