Liebe Gemeinde,
das wär doch was, so ein guter Hirte, nicht wahr!?
Einer, der auf mich aufpasst, wenn ich so vor mich hinstolpere.
Einer, der vor mir her geht, wenn ich nicht weiß, wo es lang gehen soll.
Einer, der mich Kraft und Leben finden lässt, wenn ich matt und verzagt daniederliege.
Einer, der mich wirklich kennt mit allen meinen Ecken und Kanten, mit allen meinen Freuden und Sorgen.
Einer, der mich in den Arm nimmt, wenn ich traurig bin und kaum weiter weiß.
Einer, auf den ich mich verlassen kann, wenn mich alle anderen verlassen - wenn mich alles verlässt, sogar das Leben.
Das wäre doch was, so ein guter Hirte, nicht wahr!?
Der 23. Psalm erzählt davon, dass Gott so ein guter Hirte für uns ist
Johannes erzählt davon, dass Gott in Jesus Christus das ganz greifbar geworden ist: ein guter Hirte für seine Herde, für die, die ihm nachfolgen, für die, die ihm am Herzen lagen.
Vertraute Texte - schöne Texte, die einladen und Hoffnung machen. Sie zeichnen Bilder, die wir uns heute immer noch vorstellen können - sogar in einer großen Stadt, wie Berlin, wo es ja schon lange keine Hirten mehr gibt. Aber wir kennen sie sicher noch, können sie uns vorstellen, diese besorgten, umsorgenden Menschen, die mit ihren Tieren und für ihre Tiere da sind - ganz egal was war: die Hirten sind da - bei Sturm und Regen, vor Wölfen und Schakalen, auf grünen Auen und an steilen Abhängen. Nie würde ein Hirte seine Herde alleine lassen. Sie liegt ihm am Herzen.
Und. liebe Gemeinde, passt das Bild? Jesus so ein guter Hirte für uns? Gott ein Hirte für Sie, für mich - immer da, niemals fern, stets in Sorge um mich? Passt das Bild zu Ihrer Erfahrung - passt das Bild zu meiner Erfahrung?
Ich frage so, weil ich mir sicher bin, dass Sie auch das andere ganz gut kennen:
das Gefühl, allein zu sein - keiner da, der auf mich aufpasst, wenn ich vor mich hinstolpere.
Keiner da, der mir sagt, wo es lang gehen soll.
Keiner da, der mir zu neuer Kraft hilft - ich habe einfach keine Kraft mehr!
Keiner da, der mich versteht, der mich mit meinen Freuden und Sorgen ernst nimmt - nur ein oberflächliches "Wird schon werden!" bekomme ich zu hören.
Keiner da, der mich in den Arm nimmt - die haben ja eh alle keine Zeit.
Keiner da, auf den ich mich verlassen kann - ich fühle mich ganz verlassen - sogar von Gott!
Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das so geht - zumindest hin und wieder so geht. Dass da immer wieder die Frage auftaucht: wo ist er denn dieser gute Hirte? Warum macht Gott denn nichts? Warum geht es mir immer weiter so schlecht, wird nichts besser? Hat Gott mich gar vergessen? Stimmt wohl nicht, die schöne Geschichte von dem guten Hirten!
Ich kann mir das gut vorstellen und ich kann es nachvollziehen - nicht unbedingt im Blick auf mein eigenes Leben, aber im Blick auf die Welt und was uns da immer wieder zugemutet wird. Da kann man sich schon fragen: Wo ist er denn, der gute Hirte.
Und während ich mich das so gefragt habe, da habe ich sehr bald wieder an Dietrich Bonhoeffer denken müssen - an einen, der ganz sicher auch Grund hatte so zu fragen, mit Gott zu hadern, denn die Nazis hatten ihn ins Gefängnis geworfen, weil er selber nun grade versucht hatte ein guter, verlässlicher Hirte für andere in seiner Zeit zu sein. Er saß im Gefängnis in Tegel und hatte sicher nicht viel Aussicht da wieder heraus zu kommen - in den letzten Wochen ist ja viel von ihm die Rede gewesen. Und erstaunlicherweise hat er dort im Gefängnis nicht nur in der Krise gesteckt, sondern hat darüber hinaus geblickt! Es scheint, er hat den Blick für den guten Hirten nicht verloren, sondern ihn geradezu geschärft in jenen Monaten im Gefängnis. Und dann schreibt er um Weihnachten 1944 dieses Gedicht zum neuen Jahr, von dem der letzte Vers so berühmt geworden ist - ich habe ihn noch einmal auf den Gottesdienstzettel geschrieben:
"Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag!"
Für mich ist das eines der wichtigsten Glaubenszeugnisse aus jüngerer Zeit geworden, weil da einer, der selber in der Krise steckt, so eindrucksvoll von seinem Gottvertrauen schreibt - von seinem Vertrauen auf diesen guten Hirten, der gar nicht immer spürbar da ist, der nicht immer nach unseren Erwartungen handelt und uns dann schnell enttäuscht zurücklässt.
Denn das würden wir doch eigentlich gerne von unserem guten Hirten erwarten, dass er uns alles Leid vom Leib hält, dass wir frei von allen Lasten und Belastungen unser Leben leben könnten. Dietrich Bonhoeffer hat dazu - wie ich glaube ganz richtig - geschrieben: "Es gibt zwei Möglichkeiten, einem Menschen, der von einer Last gerückt wird, zu helfen. Entweder man nimmt ihn die ganze Last ab, so dass er künftig nichts mehr zu tragen hat, oder man hilft ihm tragen, in dem man ihm dies Tragen leichter macht. Jesus will nicht den ersten Weg mit uns gehen. Die Last wird uns nicht abgenommen. Jesus, der selbst sein Kreuz getragen hat, weiß, dass der Mensch seiner Bestimmung nach Lastträger, Träger seines Kreuzes sein muss, und dass allein unter dieser Last und nicht ohne diese Last, der Mensch geheiligt wird. Die Last, die Gott dem Menschen auferlegt hat, nimmt Jesus dem Menschen nicht ab. Aber er macht dem Menschen die Last dadurch leichter, dass er ihm zeigt, wie er sie tragen muss."
"Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir!" hat der gute Hirte gesagt - also: "geht mit ihm unter sein Joch, zusammengespannt mit ihm, so dass wir uns nicht mehr losreißen können, zusammengespannt mit all denen, die dies Joch tragen wollen - zusammengespannt, bis einstmals das Joch ganz von uns genommen wird!"
Schön und gut, mögen sie nun denken, aber noch nicht einmal das kann ich merken, dass da Jesus, das dieser gute Hirte, an meiner Seite ist und mir tragen hilft. Ich habe doch immer noch verdammt schwer zu tragen an meiner Krankheit, an meiner Einsamkeit, an meiner Hoffnungslosigkeit. Dann möchte ich Ihnen Mut machen, genauer hinzuschauen. Vielleicht entdecken sie dabei durchaus Mitträger und Mitträgerinnen. Ich glaube, dass sie da sind. Sie kennen ja vielleicht auch diese kleine Geschichte von den Spuren im Sand, die davon so vortrefflich berichtet:
Ein Mann träumte, er ging am Strand spazieren. Er war nicht allein. An seiner Seite ging Jesus von Nazareth. Er blickte zurück und sah im feuchten Sand die Fußspur durch sein Leben. Daneben eine zweite Spur, die von Jesus Christus. Rechts und links tauchten Bilder aus seinem Leben auf. Gerade bei den schwersten Situationen, in der größten Not, sah er aber nur eine Fußspur im Sand. Das wunderte ihn natürlich, ärgerte ihn beinahe und er sagte zu Jesus: Du hast doch gesagt, du würdest jeden Weg mit mir gehen. Aber nun stelle ich fest, in den beschwerlichsten Situationen hast du mich alleine gelassen! Darauf antwortete Jesus: Lieber Freund, ich mag dich so sehr, dass ich dich niemals verlassen würde. Während der Zeiten, wo es dir am schlechtesten ging und du gelitten hast, wo du nur eine Fußspur siehst - das waren die Zeiten, in denen ich dich getragen habe.
Mag Ihnen dieses Vertrauen immer wieder neu zuwachsen, mögen sie beim Hinschauen die Mitträgerinnen und Mitträger entdecken, die Ihnen zur Seite sind und mag Gott Sie und uns alle weiter tragen, wie ein guter Hirte seine mutlosen Schafe, mit all dem, was wir tragen und auch mit all dem, was wir nicht tragen können. Wir dürfen vertrauen: Gott ist mit uns an jedem neuen Tag! Amen.
Pfarrer Carsten Bolz, 30.04.2006