©Pfarrer Carsten Bolz: Israelsonntag vom 19.08.2001
"Das Heil kommt von den Juden"
Predigt über Johannes 4,19-26
am Israelsonntag, 19.08.2001,
in der Sühne-Christi-Kirche (gekürzt)
Konfirmation vom 19.05.2002
Blutnächte vom 07.09.2003
Volkstrauertag 2003
  Rundfunkgottesdienst vom 18.12.2005
  Gottesdienst mit der Diakoniestation am 30.04.2006
  Gedenkgottesdienst 20. Juli 2006
  Rundfunkgottesdienst vom 11.03.2007
  Karfreitag 2007
  Tag des offenen Denkmals vom 09.09.2007

Liebe Gemeinde,

"Das Heil kommt von den Juden" - das ist der Satz, der mir mit seiner ganzen Sperrigkeit zum zentralen Satz für diesen Gottesdienst geworden ist; ein Satz, der uns unsere Verhältnisbestimmung zum jüdischen Volk in dieser Zeit wieder einmal neu vornehmen lässt.

1) Das Heil, die Rettung kommt von den Juden - das ist uns ganz vertraut, zumal hier in Charlottenburg-Nord war das noch nie bestritten. Aus den Erfahrungen der Nazizeit hat es hier von Anfang an ein Bewusstsein für den Wert der Gemeinschaft von Christen und Juden gegeben. Und so hat diese historische Erfahrung hier in vielerlei Weise bewusst oder unbewusst Eingang gefunden - und das ist auch gut so!
So ist zum Beispiel die ganze Sühne-Christi-Kirche ist ein Davidstern mit abgeschlagenen Spitzen. Wir sitzen hier gewissermaßen im Innern eines Davidsterns. Stellen Sie sich vor, sie schauen von oben auf die Kirche mit ihrem sechseckigen Grundriss. Und stellen sie sich dann an jede der sechs Seiten je ein gleichschenkliges Dreieck gesetzt: Der Davidstern wäre komplett. Sechs Dreiecke, die unsren Grundriss zum Davidstern vervollständigen würden. Der Davidstern: im Nationalsozialismus pervertiertes Erkennungszeichen für Juden in Deutschland, seit 1948 Staatssymbol des Staates Israel. Der Davidstern: ein Hexagramm, ein Stern mit sechs Spitzen, dem viel Symbolgehalt zugeschrieben wird. 12 Ecken (6 äuße-re und 6 innere) für die 12 Stämme Israels; zusammengesetzt aus zwei übereinander geschobenen gleichseitigen Dreiecken: das sind einerseits die beiden griechischen Anfangs- und Endbuchstaben des Namens David, und andererseits symbolisiert das nach oben weisende Dreieck das Göttliche, das nach unten weisende Dreieck das Menschliche. Im Volk Gottes Israel kommt beides zusammen, durchdringt sich.
So trägt schon diese Kirche die stetige Erinnerung in sich, dass wir Christen aus Wurzeln gewachsen sind, die weit älter sind als wir. Es ist gut, dass wir hier bei uns immer wieder erinnert werden an die jüdischen Wurzeln, ohne die wir als Christen gar nicht existieren würden; es ist gut, dass wir das glauben können: Die Rettung kommt von den Juden...

2) Das Heil kommt von den Juden. Was meinen Sie, wie das klingt in den Ohren der christlichen Palästinenserin Viola Raheb, die wir auf dem Kirchentag in Frankfurt kennen gelernt haben, die als Schulrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien seit Wochen nicht mehr aus Beit Jala zu ihrem Arbeitsplatz in Jerusalem darf.
Die Rettung kommt von den Juden. Was meinen Sie, wie das klingt in den Ohren meines Kollegen Dieter Ziebarth aus Treptow, der als Gast bei den Feiern zum 100-jährigen Bestehen der Evangelischen Schule in Beit Sahour - einem Nachbarort von Beit Jala - war.
Er schreibt: "Der Höhepunkt des Jubiläums sollte der Gottesdienst am Sonntag Jubilate sein. Ein Lob- und Dankgottesdienst mit Gästen aus der Ökumene war geplant. Aber schon früh um 6.30 Uhr wurde ich geweckt. Die Kinder meiner Gastgeber schauten herein und riefen aufgeregt: ‚Sie schießen schon wieder!' Nicht weit entfernt standen dunkle Rauchwolken. Man hörte das Maschinengewehrfeuer und die dumpfen Einschläge von Panzergrananten. Die Zeit des Gottesdienstes rückte näher, und die Kämpfe nahmen an Intensität zu. Ernst, Sorge und auch Furcht war auf die Gesichter der Gemeindeglieder geschrieben. Die Kirche war nur halb gefüllt. Viele hatten nicht gewagt, ihre Häuser zu verlassen. So wurde es ein Gottesdienst ganz besonderer Art: der Gesang des Chores und der Gemeinde übertönte die Klänge des Krieges, und die Gebetsstille wurde von dem Krachen der Granateneinschläge unterbrochen. Und schließlich das Gebet für den Frieden! Wie konnte es dringlicher und authentischer klingen als hier in der Nähe des Hirtenfeldes, auf dem einst ‚Friede auf Erden!' verkündet wurde und das jetzt fast jeden Tag zum Kampfplatz wird."

Das Heil kommt von den Juden!? - Ich weiß, dass das nichts miteinander zu tun hat, ich weiß, dass Israel als Staatsgebilde etwas anderes ist, als das Volk Gottes der Bibel, die Juden, zu denen auch Jesus aus Nazareth gehörte. Und gerade weil ich das weiß, ist es mir wichtig, beides hier so nebeneinander zu stellen: Unsere Verbundenheit mit dem Volk Gottes und die Kritik am Handeln des Staates Israel. Das darf uns nämlich nicht durcheinander geraten. Wir dürfen uns nicht von berechtigter Kritik zu pauschaler Verurteilung der "Juden" hinreißen lassen. Und diese Gefahr besteht durchaus.
Andererseits dürfen wir auch nicht aus Achtung vor dem jüdischen Volk jedes Handeln des Staates Israel gut heißen.
Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, von der Hoffnung her, die Jesaja beschreibt, von der Hoffnung, dass alle Völker zum Zion kommen und in Frieden und Gerechtigkeit leben werden. Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, von dieser Hoffnung her immer wieder kritisch zu anzuschauen, was passiert, zu benennen, was ungerecht ist und das zu unterstützen, was dem Frieden dient.
Und das ist sicher das Schwerste überhaupt: zu finden, was dem Frieden dient, weil die Verletzungen und die Angst bei allen - Israelis und Palästinensern - inzwischen so groß sind.
Das Heil kommt von den Juden. Lasst uns unsere eigenen Wurzeln nie vergessen und uns - wie Paulus es formuliert hat - als wilde, eingepflanzte Triebe im Ölbaum Gottes nicht über die Wurzeln erheben - und dennoch weiter das tun, was wir tun können: inständig um Frieden beten und flehen.
Amen


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