Liebe Gemeinde,
der Jesus, den Lukas uns in seinem Evangelium beschreibt stirbt anders, betet anders als Sie das aus der Matthäus- oder der Johannespassion kennen. Der lukanische Jesus stirbt anders, betet anders!
Irgendwie stiller, vertrauensvoller, tröstender - wir haben es gerade gehört. Das ist nicht der die Schrift erfüllende, triumphierende Jesus des Johannesevangeliums, der mit einem "Es ist vollbracht!" auf den Lippen stirbt. Und es ist auch nicht der in völliger Verlassenheit einsam sterbende Jesus, der den 22 Psalm betet und mit dem uns vertrauten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" laut schreiend umkommt - so wie uns das bei Markus uns Matthäus beschrieben wird. Der lukanische Jesus stirbt anders, betet anders!
Nicht einen Augenblick - so scheint's - verliert Jesus seine Gottesgewissheit. Zwar verschweigt Lukas auch all die schrecklichen Erfahrungen nicht. Verrat, Verspottung, Geißelung, Verlust der Freunde. Aber all den schrecklichen Erfahrungen zum Trotz bleibt Jesus bis in den Tod hinein in die Gewissheit eingehüllt, dass Gott ihm nahe ist und ihn trägt, dass er sich getrost Gott überlassen und sich in ihm bergen kann.
Schon die ersten Worte, die Lukas Jesus am Kreuz sagen lässt, zeigen diese - trostvolle - Richtung an: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Das Sterben Jesu - das Sterben überhaupt - beginnt mit dem Vergeben. Wer vergeben kann, kann auch getröstet sterben. Welche Dramatik, welche Zuspitzung steckt aber in diesem Vergeben! Wie kann der, dem gerade die Nägel in den Körper geschlagen sind, denen vergeben, die den Hammer noch in ihren Händen halten!? Vielleicht nur, weil er wirklich weiß, dass jene absolut nichts wissen, nicht einmal ahnen, worum es geht. Und weil er, der genau weiß, dass er nun sterben muss, nicht unversöhnt sterben will - nicht einmal mit jenen - fleht er um Vergebung. "Wer so stirbt, der stirbt wohl!"
Das nächste dann, das Wort Jesu zum bußfertigen Schächer - wie es traditionell heißt - auch trostvoll; "Wahrlich ich sage dir. Heute wirst du mit mir im Paradies sein!" Der, der ihn da bittet. "Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!" - der, der ihn da bittet, will keine Hilfe hier - jetzt gleich; er will nur Jesu Gedenken. Er will nicht vergessen und auch nicht verdammt sein. Wie wichtig ist das - nicht vergessen zu werden: von den Menschen nicht, von Gott nicht! Wie schrecklich wenn ich es dann doch erfahre: hier hat man mich vergessen - fast nicht wieder gut zu machen!
Die Antwort Jesu öffnet ihm den Himmel, den Jesus selber für sich offen weiß. Er weiß, wohin ihn sein Weg führt - direkt ins Paradies, in Gottes Welt. Mit seiner Antwort holt er Gott, den Ewigen, in diesen engen dunklen Augenblick. Schon hier leuchtet ein Funken von dem Licht auf, das der Dunkelheit des Todes folgen wird. Dem Tod folgt das Licht. Der Jesus, so wie ihn Lukas beschreibt, kann für sich selbst darauf vertrauen und stellt das voller Vertrauen dem bußfertigen Schächer in Aussicht. Der andere, der unbußfertige Schächer wird übrigens mit keinem Wort davon ausgeschlossen.
Und dann schließlich erzählt uns Lukas folgerichtig vom Gebet Jesu am Kreuz. Seit drei Stunden hat die Sonne schon ihren Schein verloren; nun reißt auch noch der Vorhang im Tempel. Das, was Heiliges und Allerheiligstes trennte, ist nicht mehr. Ganz nahe kommen sich Gott und die Welt. Der Blick weitet sich auf Neues - und Jesus betet an dieser Nahtstelle in der Stunde seines Todes den 31. Psalm:
HERR, auf dich traue ich, /
lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg,
und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
Du wollest mich aus dem Netze ziehen, /
das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
Jesus betet den 31. Psalm. "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände." Sein Gebet ist die völlige Hingabe in einen anderen Willen. So finster es um ihn ist, so licht macht ihn diese Hingabe. Kein Licht scheint auf ihn, aber alles Licht scheint aus dieser Hingabe zu leuchten. Er erwartet das Licht mit einer Gottesgewissheit, die auch schon in der Vergebung und der Segnung des Übeltäters, in der Ankündigung des Paradieses leuchtete. Gottes gewiss erwartet er dieses Licht.
So stirbt Jesus am Kreuz auf Golgatha, das Licht bleibt und nimmt ihn auf. Langsam, vorsichtig beginnen andere um ihn herum dies zu ahnen. Der Tod hat Macht, das ist wahr! Aber Gott hat die Macht, durch den Tod hindurch Leben zu schaffen - in Ewigkeit - auch für uns.
Der Jesus, so wie Lukas ihn beschreibt, stirbt anders, betet anders! Voller Gottesgewissheit stirbt Jesus. Und wegen dieser Gottesgewissheit erzählt uns Lukas so eindringlich vom Sterben Jesu. Man merkt es ja, Lukas selber ist von dem erfüllt, was man ihm zuvor davon erzählt hat. Deshalb schreibt er es auf und will es an seine Gemeinden weitergeben. Er will mit dem Trost, den er zwar selber nicht gesehen, von dem er aber gehört hat, andere trösten. Er will von dem Heil erzählen, das allem Volk widerfahren ist. So erzählt er vom Sterben Jesu nichts wesentlich anderes als von seiner Geburt und von seinem Leben und Wirken auf Erden. Der Heiland stirbt - das Heil aber lebt! Und der Sohn Gottes bleibt uns und aller Welt als der, der mit uns Brot und Wein teilt, unsere Wege mit uns geht und uns seinen Geist schenkt, wo und wie immer wir ihn darum bitten. Lukas verschweigt nicht die Schrecken und Schmerzen des Todes. Aber selbst sie bekennt er als eingehüllt in die völlige Gewissheit der Fürsorge Gottes. Die Finsternis ist nicht finster bei dir. Und die Nacht leuchtet wie der Tag.
So will Lukas uns das Sterben Jesu zum Trost werden lassen: Mit keinem derer, die sein Sterben betreiben, stirbt Jesus unversöhnt: Er vergibt denen, die ihm Übles wollen und nicht wissen, was sie tun. Er segnet den Übeltäter neben ihm und schweigt zur Lästerung des anderen. Er gibt sich hin an den unbegreiflichen Willen Gottes - vielleicht versteht er ihn, vielleicht erträgt er ihn nur, ohne ihn zu verstehen. Sein Sterben ist ein einziges Versöhnen. Und ich selbst, als ferner Begleiter an diesem Karfreitag, kann noch den Trost spüren, den dieses Versöhnen in mein Leben bringt. Diesen Trost möchte ich gerne weitersagen und -geben. Dazu Gott, befehle ich auch meinen Geist in deine Hände!
Amen.