©Pfarrer Carsten Bolz: Israelsonntag vom 19.08.2001
Predigt zum Tag des offenen Denkmals 2007
Predigt mit 1. Mose 28,10-19a (14. n. Trinitatis)
am 09.09.2007
im Gemeindezentrum Plötzensee
Konfirmation vom 19.05.2002
Blutnächte vom 07.09.2003
Volkstrauertag 2003
  Rundfunkgottesdienst vom 18.12.2005
  Gottesdienst mit der Diakoniestation am 30.04.2006
  Gedenkgottesdienst 20. Juli 2006
  Rundfunkgottesdienst vom 11.03.2007
  Karfreitag 2007
  Tag des offenen Denkmals vom 09.09.2007

"Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel."

Liebe Gemeinde,

Jakob macht eine außergewöhnliche Erfahrung mit Gott. Und Jakob reagiert darauf; diese Erfahrung lässt ihn nicht gleichgültig. Er will diese Erfahrung, diesen Traum nicht in Vergessenheit geraten lassen. Er schichtet Steine aufeinander; baut Gott einen Altar. Ja mehr noch: er gibt der Stätte eine Namen, der an Gott erinnern solle, der hier für ihn so einzigartig erfahrbar war: Beth-El - Haus Gottes!
Jakob schafft für diesen Gott ein Haus, an diesem Ort, an dem sich Himmel und Erde so wunderbar nahe zu sein scheinen. Beth-El - Haus Gottes - Altar des Gottes seiner Väter und Mütter - Erinnerungszeichen für Gottes Nähe an diesem Ort - unter den Menschen!

Auch wenn es historisch vermutlich umgekehrt war: der Name des Ortes war da - und eine Geschichte wurde erzählt, um diesen Namen zu erklären - auch wenn es historisch also anders herum war - nehmen wir diese Geschichte heute einmal so, wie sie erzählt ist: denn sie entspricht ha auch unseren Erfahrungen. Nicht nur aus der Bibel kennen wir das, dass Menschen Gott Altäre bauen an Orten, an denen Gottes Nähe ganz besonders erfahrbar war, oder wo eine Person auch oft diese Nähe Gottes in besonderer Weise erfahrbar machte.

Jakob baut in Bethel - dem Haus Gottes - einen Altar - und macht sich damit gewissermaßen einen "Knoten ins Taschentuch": immer, wenn ich an diesen Ort komme, will ich daran denken, was hier geschah! Und mehr noch: dieser "Knoten im Taschentuch" - dieses Erinnerungszeichen, soll allgemein verständlich sein - auch alle anderen, die hier vorüber gehen, sollen sich erinnern: hier kamen einst Himmel und Erde einander ganz nah! Deshalb ein Altar, ein allgemein verständliches Erinnerungszeichen - jedenfalls zur Zeit Jakobs - ein Denkmal - eines der ersten der biblischen Geschichte!

Und viele haben in folge solche Erinnerungszeichen - solche Denkmäler - geschaffen: Häuser Gottes, allgemein verständliche Zeichen für die Nähe zwischen Himmel und Erde, die über viele Jahrhunderte das Bild unserer Dörfer und Städte prägten. Und in manchen Gegenden - im Brandenburgischen oder am Breitscheidplatz oder in der Bretagne (wo wir gerade Urlaub gemacht haben) ist das ja bis heute noch so: Häuser Gottes, Kirchen, Stein gewordene Erinnerungszeichen der Geschichte Gottes mit den Menschen (hier nun besonders der christlichen Abteilung) - Denk mal! Rufen sie den Vorübergehenden zu: Denk mal!
Denk mal an die Geschichte Gottes mit den Menschen, die sich hier oder anderswo abgespielt hat!
Denk mal daran, wie nah sich Gott und die Menschen manchmal waren und sind! Denk mal!



Jakob hat Steine zum Altar aufgeschichtet und mit Öl begossen.
Die Bretonen schufen Kathedralen und Kalvarienberge.
Und im Charlottenburger Norden bauten sie einen Bunker aus Beton! Denkmal!? Erinnerungszeichen der Geschichte Gottes mit den Menschen!?

Liebe Gemeinde, auch wenn dieser Kirchraum auf den ersten Blick auf viele abschreckend wirkt und auch auf den zweiten Blick vielen gar nicht so Recht eine Erinnerung an Gottes Zuwendung zu uns Menschen werden mag - selbst wenn man dreimal hinschauen muss - oder sogar noch öfter - oder vielleicht gerade deshalb sogar: Denk mal! Ja, Denkmal sollte diese Kirche sein - genau wie ihre katholische Nachbarin - Denkmal - Gedenkkirche am Heckerdamm! Denkmal für die Menschen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die in der unmittelbaren Nachbarschaft wegen ihrer Gesinnung ermordet wurden - und Denkmal für die Nähe Gotte darin!

Vielleicht wären hier - lebten wir in einem anderen Jahrhundert - den Märtyrern Kathedralen gebaut worden: St. Alfred und St. Helmuth, die hier ökumenisch einträchtig nebeneinander davon erzählten, wie diese beiden und andere - aus Gottes Kraft für eine gerechte Ordnung in Deutschland und gegen Menschenverachtung und rassistischen Hochmut gestritten haben und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten. Vielleicht würden Spitzbögen und Flamboyant-Rosetten die selbe Erinnerung in sanfterer Weise transportieren wollen, als der schroffe Beton und die brutal realistischen Bilder des Plötzenseer Totentanzes. Aber vermitteln wollten sie doch wohl das selbe: Erinnerung an diese abgrundtief schmerzvolle Episode aus der Geschichte Gottes mit den Menschen. Dieses beides eben: den abgrundtiefen Schmerz dieser Geschichte und eine Geschichte der Menschen mit Gott!
Gerade das nun gelingt für mich in dieser Kirche mit den Stilmitteln des 20. Jahrhunderts ganz ausgezeichnet - viel besser als in jeder gotischen Kathedrale. Mir ist das in den 15 Jahren, die ich jetzt hier Pfarrer bin immer wichtiger geworden; denn dieses beides gehört doch nach meiner Erfahrung immer auch zusammen: die Abgründe menschlicher Existenz und die Erfahrung von Gottes Nähe dazwischen oder darin! Die mittelalterlichen Kalvarienberge und Kreuzigungsdarstellungen bieten im Grunde doch gar nichts anderes - wir verstehen ihre Brutalität sie nur nicht mehr so gut, haben sie schon längst zum Symbol (v)erklärt.

Diese Kirche zeigt beides in brutaler Klarheit: die Abgründe menschlicher Existenz und die Erfahrung von Gottes Nähe dazwischen oder darin! Vom Brudermord - über die Ausrottung einer Minderheit - vorbei an unserem "Kalvarienberg", Golgatha hinter mir - hin zum Hinrichtungsschuppen von Plötzensee mit Fleischerhaken und Guillotine: die Abgründe menschlicher Existenz.
Und darin und dazwischen - manchmal auch sehr verborgen - Erfahrungen von Gottes Nähe: Christus in Plötzensee gekreuzigt - und die Fäuste zum Sieg erhoben - "Tod wo ist dein Stachel nun - Hölle, wo ist dein Sieg!?"
Eine Brot brechenden Lichtgestalt mitten unter den Gefangenen im Wartesaal des Todes - Abendmahl in Plötzensee. Und dann eben unser Altar in unserer Mitte - und daräber öffnet sich der Himmel - es könnte eine Himmelsleiter angelegt werden - und wir versammeln uns drum herum, teilen Brot und Wein "zum Gedächtnis"! - vergewissern uns der Gegenwart Gottes unter uns auch an diesem Ort der Erinnerung - denk mal!

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten (2.Tim 2,8) ruft uns Paulus im 2. Timotheusbrief zu.
Und: Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR. (Ps 111,4) haben wir aus den Psalmen Israels heute schon gehört! Denk mal!

Ja, liebe Gemeinde, dieser Kirchraum hier ist für mich gewissermaßen auch so ein "Knoten im Taschentuch" wie Jakobs Öl begossener Altar in Bethel und könnte es sein für viele, die vorübergehen, weil er an dieses beides erinnert: die Abgründe menschlicher Existenz und die Erfahrung von Gottes Nähe dazwischen oder darinnen. Denn: Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Amen.


Zurück zum Seitenanfang