©Pfarrer Carsten Bolz: Israelsonntag vom 19.08.2001
Predigt zum 100. Geburtstag von Helmuth-James von Moltke
über Jeremia 20,7-11a / Lukas 9,57-62
am 11.03.2007, Gemeindezentrum Plötzensee
im Rundfunkgottesdienst auf RBB Kulturradio
Konfirmation vom 19.05.2002
Blutnächte vom 07.09.2003
Volkstrauertag 2003
  Rundfunkgottesdienst vom 18.12.2005
  Gottesdienst mit der Diakoniestation am 30.04.2006
  Gedenkgottesdienst 20. Juli 2006
  Rundfunkgottesdienst vom 11.03.2007
  Karfreitag 2007
  Tag des offenen Denkmals vom 09.09.2007



Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der kommen wird. Amen.

"Von Gott nicht mehr loskommen können, das ist die dauernde Beunruhigung jedes christlichen Lebens!" - so, liebe Gemeinde, formuliert Dietrich Bonhoeffer 1934 in einer Predigt über den Abschnitt aus dem Buch Jeremia, den wir vorhin gehört haben. Den Blick, die Perspektive, die Sichtweise - festgemacht an Gott, auf Gott ausgerichtet: "Von Gott nicht mehr loskommen können, das ist die dauernde Beunruhigung jedes christlichen Lebens!"
Für mich beschreibt das genau die Blickrichtung, die auch das Leben von Helmuth-James von Moltke geprägt hat. Und sie wurde ihm quasi schon in die Wiege gelegt: Als er Anfang April 1907 im Feldmarschallzimmer des Kreisauer Schlosses getauft wurde, bekam er ein eindrucksvolles Pauluswort aus dem Römerbrief mit auf seinen Lebensweg - Motiv eines lebenslangen Schauens auf Gott: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Fürstentümer und Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist." (Röm 8,38f)
Mit dieser Blickrichtung ist Moltke offenbar durch sein Leben gegangen, hat aus dieser Perspektive seine Mitarbeit im Widerstand gegen die Nationalsoziallisten verstanden. Gemeinsam mit Eugen Gerstenmaier, mit dem Jesuiten Alfred Delp und mit anderen hat er im Kreisauer Kreis eine Ordnung für ein Deutschland nach dem Krieg erdacht. Diese drei vor allem waren es, die christliche Werte als Grundlage dieser Ordnung einbrachten. Im April 1942 schreibt Moltke ((in einem Brief an einen Freund der Familie, Lionel Curtis) über seine Hoffnungen für Deutschland - ich zitiere: "Das Rückgrat dieser Bewegung - gemeint ist der Kreisauer Kreis - bilden die beiden christlichen Konfessionen, die protestantische wie die katholische. ... Wir versuchen, auf dieser Grundlage aufzubauen." (zit. nach Brakelmann, 218)

Die Kreisauer vollziehen im Laufe ihrer Beratungen unter Moltkes Einfluss eine deutliche Hinwendung zur Religion. "Der sonntägliche Gottesdienst, die tägliche Lektüre biblischer Texte oder theologischer Grundschriften begleitet ihre politische Arbeit. Ihr Widerstand wurde immer mehr ein Widerstand aus dem Glauben." (Brakelmann, 267)
Das findet schließlich seinen Niederschlag auch in der Präambel der Kreisauer "Grundsätze für die Neuordnung nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft", wo es heißt: "Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft." (zit. nach Brakelmann, 266)
Die Grundlage und die Blickrichtung für eine politische Neuordnung ist für Moltke also klar zu beschreiben: "Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes!" und: "Meine Augen sehen stets auf den Herrn!"

Immer klarer war für Moltke auch, dass gerade darin auch der Grund für die Verfolgung ihres Denkens durch die Herrschenden lag. Ihm wurde deutlich, dass der Prozess vor dem Volksgerichtshof - ein Tribunal gegen bekennende Christen und gegen ihre Kirchen war. So schreibt Moltke während des Prozesses - ich zitiere: "In der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorwürfe als unhaltbar, und sie wurden auch fallen gelassen. Nichts davon blieb. Sondern das, wovor das dritte Reich solche Angst hatte, ...ist letzten Endes nur Folgendes: ein Privatmann, ... , von dem feststeht, dass er mit zwei Geistlichen beider Konfessionen, ... , ohne die Absicht irgendetwas Konkretes zu tun, ... , Dinge besprochen hat, die zur ausschließlichen Zuständigkeit des Führers gehören'. Besprochen was: nicht etwa Organisationsfragen, nicht etwa Reichsaufbau - das alles ist im Laufe der Verhandlungen weggefallen, ... , sondern besprochen wurden Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums. Nichts weiter: Dafür werden wir verurteilt. Freisler sagte zu mir in einer seiner Tiraden: ‚Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen!'" (zit. nach Brakelmann, 355ff)
Und in einem anderen Brief an seine Frau Freya schreibt Moltke: "Und dann wird dein Wirt (so bezeichnet er sich in den Briefen an seine Frau) ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher - das alles ist ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen ... , sondern als Christ und als gar nichts anders." (zit. nach Brakelmann, 357)

Auf Gott ausgerichtet, von Gott beunruhigt - Motivation für den Widerstand und der Grund unnachgiebiger Verfolgung. Aber auch in seiner ganz persönlichen Existenz hatte Moltke dieses "Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes!" bis zum Schluss fest im Blick. Hanns Lilje, der spätere hannoversche Landesbischof, beschreibt die Freiheit und klare Gelassenheit, die sich daraus für Moltke ergab. Lilje war Moltke auf einem Transport vom Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße zum Zuchthaus in Tegel begegnet. Er schreibt:
"Moltke, Steltzer und ich saßen für eine Weile zusammen. Mir machte die ruhige Sicherheit Eindruck, mit der Moltke auf Steltzer und einige andere einsprach: "Machen Sie sich nichts vor" sagte er "wenn Sie das getan haben, was Sie eben berichtet haben, werden Sie gehängt!" Mit einer Ruhe, die alles andere als stoisch war, weil sie aus einer fast heiteren Gelöstheit stammte, redete er uns die weichlichen Illusionen über unser Schicksal aus und forderte uns auf, uns auf den Tod zu rüsten.
Er selber tat das auf eine vorbildliche Weise. Ohne die leiseste Selbsttäuschung über sein wahrscheinliches Ende lebte er in einer heiteren Klarheit der Seele, das leuchtendste Beispiel einer ungebeugten Haltung aus Glauben. Als Christ war er der klarste und selbstverständlichste unter uns. In ihm war noch die volle Substanz des Glaubens gegenwärtig; es gab bei ihm jene Skepsis nicht, die auch der Reifste und Gläubigste zuzeiten nur durch Kampf und Anstrengung überwindet. Bei ihm vollzog sich, was es wohl nur an der Grenze des Todes geben kann: Der Kampf lag hinter ihm, keine Wolke der Anfechtung trübte seine Glaubenszuversicht. Ich muss ihm bezeugen, dass ich ihn nur heiter und gelassen gesehen habe. Als am Tage vor seiner Hinrichtung der Wachtmeister noch einmal seine Zelle betrat mit der Nachricht: "Morgen noch einmal Vernehmung - fertigmachen!", sagte er nur mit völligem Gleichmaß der Seele: "0 ich weiß - die Hinrichtung!", (...)
(zit. nach Brakelmann, 347)

So ging Helmuth-James von Moltke auch seinen letzten Weg offenbar mit einem klaren, vertrauensvollen Blick auf Gott. Peter Buchholz, der katholische Gefängnisseelsorger in Plötzensee, berichtete Freya von Moltke später von der Hinrichtung: Helmuth-James sei ganz gefasst, "ja mit einer inneren Heiterkeit seinen letzten Weg gegangen, fertig zum Sterben, fertig mit dem Abschied von seinen so sehr geliebten Söhnchen und von Freya." (zit. nach Brakelmann, 360)

-Meditation über "Von guten Mächten"-

Liebe Gemeinde!

Wie schon Jeremia getragen war von der Zuversicht, dass "der Herr sei wie ein starker Held, darum würden die Verfolger fallen und nicht gewinnen.", wie schon Jeremia von diesem Gott nicht los kommen konnte, so konnte es auch Helmuth-James von Moltke nicht. Dietrich Bonhoeffer hatte 1934 in der Auslegung des Abschnitts aus dem Buch Jeremia geschrieben: "Ein verlachter, für verrückt erklärter, aber für Ruhe und Frieden der Menschen äußerst gefährlicher Narr - den man schlägt, einsperrt, foltert und am liebsten gleich umbringt - das ist dieser Jeremias eben weil er Gott nicht mehr loswerden kann. Phantast, Sturkopf, Friedensstörer, Volksfeind hat man ihn gescholten, hat man zu allen Zeiten bis heute die gescholten, die von Gott besessen und gefasst waren, denen Gott zu stark geworden war." - und weiter - "Von Gott nicht mehr loskommen können, das ist die dauernde Beunruhigung jedes christlichen Lebens. Wer sich einmal auf ihn einließ, wer sich einmal überreden ließ, der kommt nicht mehr los. ... Von Gott nicht mehr loskommen, das bedeutet viel Angst, viel Verzagtheit, viel Trübsal, aber bedeutet doch auch im Guten und im Bösen nie mehr gott-los (- nie mehr Gott - los) sein können. Es bedeutet: Gott mit uns auf allen unseren Wegen, im Glauben und in der Sünde, in Verfolgung, Verspottung und Tod." (zit. nach DBW 13, S. 347 - 351)

Mit Helmuth-James von Moltke erinnern wir heute auch an einen solchen neuzeitlichen Propheten, der von Gott nicht los kam, der in seinem Leben offenbar nie gott-los sein konnte. Unser Blick geht damit gezielt zurück in die Vergangenheit, selbst wenn uns das Evangelium der Woche eine andere Blickrichtung nahe zu legen scheint, wenn es heißt: "Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!" Doch auch wer das Feld auf dem Weg in Gottes neue Welt beackert, muss sich nach hinten orientieren, muss Menschen wie Moltke als Wegweisung ausmachen, um den Blick nach vorne in die richtige Richtung zu lenken.

Das ist allein schon deshalb notwendig, um den damals Herrschenden nicht einen späten Sieg einzuräumen. An einer solchen Erinnerung war denen nämlich überhaupt nicht gelegen - im Gegenteil: Heinrich Himmler hatte den Befehl gegeben, dass die Leichen verbrannt und die Asche in die Felder gestreut würde. Sie wollten von denen, die hingerichtet wurden, nicht die geringste Erinnerung in irgendeinem Grab haben. Hermann Göring setzte dem hinzu, die Asche über den Acker zu streuen sei noch viel zu anständig, sie gehörte über die Rieselfelder gestreut. (cf. nach Brakelmann 361) - Und so geschah es in der Tat auch mit der Asche von Helmuth-James von Moltke.
Schon deshalb, liebe Gemeinde, ist dieser Blick zurück auch auf dem Weg in Gottes neue Welt immer wieder notwendig. Denn Menschen wie Moltke in Vergessenheit geraten zu lassen, das hieße, der Finsternis einen späten Sieg einzuräumen.

Wenn wir dann aber zurück schauen und uns "an Fuß und Pfad der Alten halten, wenn's fehlt an guten Rat" - wie Paul Gerhard gedichtet hat, wenn wir dann aber zurück schauen auf Glaubenszeugen, wie Moltke oder Delp, dann sollen wir sie auch als Wegweisung verstehen, und nicht im Rückblick stehen bleiben. Denn zu dem Blick zurück gehört notwendig auch der Blick nach vorn und der Blick zur Seite: der Blick nach vorn, auf das, was uns in Jesus Christus verheißen ist (nennen wir es Gottes neue Welt) und der Blick zur Seite auf die, die mit uns auf diesem Weg unterwegs sind.

Hier im Kirchraum des Gemeindezentrums Plötzensee wird diese Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft durch die feiernde Gemeinde einzigartig beschrieben: Der Altar steht in der Mitte unserer Kirche; die Gemeinde sitzt auf allen vier Seiten um ihn herum; hinter den Bankreihen ragen die Tafeln des Plötzenseer Totentanzes auf. Es geht die Bewegung, es geht der Blick von außen nach innen. Wir kommen her von einer Vergangenheit, die durch den Totentanz exemplarisch beschrieben wird und sind unterwegs hin zu einer Zukunft, die durch den Altar in der Mitte symbolhaft angezeigt ist. Unsre Augen sehen stets auf den Herrn - und nehmen stets auch wahr, woher wir kommen. Dazu gehören die Schrecken der Nazizeit und die Glaubenszeuginnen und Glaubenszeugen, die mit klarem Blick auf Gottes Welt ihren Weg gegangen sind. Und wenn wir uns im Rund umschauen, entdecken wir, dass wir auf unserem Weg nicht allein sind; andere sind mit uns unterwegs, gelockt von dem, was vor uns liegt, was uns durch Jesus Christus in Gottes neuer Welt zugesagt ist. In dieser Weise kommen auch wir von Gott nicht mehr los und werden das immer wieder auch heute noch als Beunruhigung unseres Lebens erleben.

Das wäre dann etwas, das wir aus der Rückschau für die Vorausschau lernen könnten: die dauernde Beunruhigung christlichen Lebens, die Bewertung unseres Alltags mit christlichen Kategorien:
dass auch wir heute nicht Friede rufen, wo Unfriede herrscht; dass wir Krieg ... "Krieg" nennen und nicht Selbstverteidigung gegen Terrorismus;
dass wir der Gewalt unter Jugendlichen in unserer Stadt auf den Grund gehen und nicht nur nach Bestrafung rufen - sondern auch an die vielen Jugendeinrichtungen erinnern, die in den letzten Jahren geschlossen worden sind;
dass wir immer wieder darauf hinweisen, dass in unserem Land die Kluft zwischen arm und reich größer wird statt kleiner - nur ein Zehntel der deutschen Bevölkerung verfügt ja inzwischen über nahezu die Hälfte des gesamten Privatvermögens;
dass wir in guter ökumenischer Nachbarschaft den Blick auf Menschen wie Helmuth-James von Moltke oder Alfred Delp lebendig halten - überall und hier am Ort in besonderer Weise - und dass unsere Kirchen uns dabei ausreichend unterstützen - dauernde Beunruhigung christlichen Lebens!

Gewiss, es bleibt das Risiko, als Phantasten und Sturköpfe abgetan zu werden - aber welches Risiko ist das im Vergleich mit dem, das Menschen wie Helmuth-James von Moltke eingingen.
Das Andenken an solche "Phantasten und Sturköpfe" jedenfalls wollen wir als Wegweisung bewahren, und uns auch dadurch den Blick auf Gott schärfen lassen und uns so einer dauernden Beunruhigung unseres Lebens aussetzen; denn loskommen wir werden von dieser Geschichte hinter uns - und von Gott vor uns - und von Jesus Christus neben uns - niemals!
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lit.:
Günter Brakelmann, Helmuth-James von Moltke, Verlag C.H.Beck, 2007
Eberhard Bethge (hg.), DBW 13, Chr. Kaiser Verlag, 1994





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