©Pfarrer Carsten Bolz: Israelsonntag vom 19.08.2001
Predigt über Matthäus 25,31-46
16.11.2003, Sühne-Christi-Kirche
Volkstrauertag und Diakonie-Dank
Konfirmation vom 19.05.2002
Blutnächte vom 07.09.2003
Volkstrauertag 2003
  Rundfunkgottesdienst vom 18.12.2005
  Gottesdienst mit der Diakoniestation am 30.04.2006
  Gedenkgottesdienst 20. Juli 2006
  Rundfunkgottesdienst vom 11.03.2007
  Karfreitag 2007
  Tag des offenen Denkmals vom 09.09.2007

Ehrlich gesagt, liebe Gemeinde, - ich mag diesen Text "Vom Weltgericht" nicht! Er ärgert mich, er regt mich auf!
"Kein Wunder!" mögen Sie denken: "Wahrscheinlich hat er Angst, auf der falschen Seite zu stehen! Das wäre sicher ärgerlich: ewige Strafe, ewiges Feuer - wer mag das schon!?"
Zugegeben: das ist ein Teil meines Ärgers, aber der betrifft nicht so sehr mich selber, wie Menschen, die mir in der Seelsorge immer wieder begegnen. Gerade in der letzten Woche wieder so ein Anruf: eine Frau umgetrieben von der Angst, es Gott nicht recht machen zu können, auf ewig bestraft zu werden. Völlig verschlossen war sie von ihrer Angst, Meine vorsichtigen Versuche auf Gottes Gnade und Gerechtigkeit hinzuweisen, konnte sie überhaupt nicht hören.
Und ich ärgere mich auch über Menschen, denen dieser Text ein willkommenes Mittel ist, Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen, Menschen damit ihrer Freiheit zu berauben und sie so für ihre Zwecke zu benutzen. Es gibt sie ja besonders im pfingstlerisch-charismatischen Bereich auch der evangelischen Kirchen. Die Folge sind dann solche Anrufe, wie ich ihn in der vergangenen Woche erlebt habe - und meist bin ich hilflos, weil das Bild so fest sitzt und damit die Angst vor der Verdammnis!
Das finde ich ärgerlich an diesem Text und daran, wie mit ihm umgegangen wird, und schon hierzu würde ich den Matthäus gerne befragen, ob er das denn so im Sinn gehabt hat.
Aber mein eigener Ärger ist noch ein anderer: Es ist nicht wirklich die Angst im ewigen Feuer zu landen, es ist vielmehr die unbefriedigende Tatsache, dass ich in diesem Text gar nicht vorkomme. Mich ärgert die unbefriedigende Schwarz-Weiß-Malerei des Matthäus. Da komme ich überhaupt nicht vor! Ich halte mich nicht für ein weißes Schaf mit reinem Pelz - aber auch nicht für ein schwarzes Schaf, das immer nur auf dem Holzweg ist! Diese Schwarz-Weiß-Malerei ärgert mich! Sie ärgert mich vor allem, weil sie so schnell (s.o.) den Blick für die Wirklichkeit verstellt und durch einfache Teilung in Schwarz und Weiß - Böcke und Schafe - ein ethisches Problem zu lösen scheint. Machste das- is gut! Machste das nich - is schlecht!
So einfach ist es doch nun aber nicht, liebe Gemeinde! Ich halte mich - wie übrigens uns alle für wunderhübsche schwarz-weiß Gefleckte! Und die kommen bei Matthäus nicht vor - und das ärgert mich! Was also tun?
Nun, mich hat mein Ärger bewogen, noch einmal genau hinzuschauen, was Matthäus hier eigentlich schreibt, warum er es schreibt, was er damit wohl bezwecken wollte. Immerhin ist er ja der einzige der vier Evangelisten, die dieses bekannte "Gleichnis vom Weltgericht" aufgeschrieben haben. Und immer wenn das so ist, dass ein Evangelist ganz alleine einen Text, eine Erzählung von Jesus überliefert, immer wenn das so ist, dann kommen Theologen auf die Idee,
dass das einen besonderen Grund hat, dass der Evangelist diesen Text aufschreibt,
dass solch ein Text gar nicht unbedingt direkt aus dem Mund Jesu stammen muss,
dass der Evangelist solch einen Text entworfen haben wird, um seiner Gemeinde damit etwas ganz besonders zu verdeutlichen.
Für wen und warum hat Matthäus also sein Evangelium mit diesem ärgerlichen "Gleichnis vom Weltgericht" geschrieben? Vermutlich war es am Ende des 1. Jahrhunderts in der antiken Großstadt Antiochia. Antiochia, das ist heute die türkische Großstadt Antakya an der Südküste der Türkei dicht an der syrischen Grenze. Und Antiochia war auch schon zur Zeit des Matthäus eine Großstadt. Mit 500 000 Einwohnern war sie neben Rom und Alexandria die dritte Weltstadt der Antike - eine wuselnde Metropole, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, aus ganz verschiedenen Völkern, aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen lebten (fast so, wie in Berlin heute). Und für seine Gemeinde in dieser Metropole wollte Matthäus die "Geschichte Jesu Christi", die Begebenheiten um diesen Jesus aus Nazareth, der Zeit Lebens durch die Dörfer Galiläas und Samarias zog, noch einmal aufschreiben.
Der Evangelist Matthäus, der Bürger einer Weltstadt, stellt also eine Reihe von Geschichten zusammen, die sämtlich in ländlicher Umgebung, in einem sehr überschaubaren Rahmen spielen. Aber das genügt ihm nicht. Ihm ist ja selber inzwischen klar geworden, dass dieser Jesus aus Nazareth eine Bedeutung hat, die weit über diesen kleinen, begrenzten Raum hinausreicht. Diese weltweite Bedeutung Jesu zu unterstreichen, das war ihm für seine Weltstadtgemeinde wichtig. Und so hält dann der Jesus im Matthäus-Evangelium nach seinen Wanderungen durch die galiläische Landschaft eine zwei Kapitel lange Rede über die Endzeit, die mit dieser Ankündigung eines Weltgerichtes für alle Völker endet. Danach beginnt die Schilderung der Passion Jesu. Kurz vor seinem Tod lässt Matthäus den Jesus seine Wiederkehr am Ende der Zeiten ankündigen.
Der Evangelist Matthäus stellt für seine Gemeinde in Antiochia nicht nur einen sachlichen Bericht über einen fernen Jesus aus Nazareth zusammen. Er will ihn ja den Menschen in seiner Gemeinde, als den Christus der Welt, so deutlich vor Augen stellen, als wäre er mitten unter ihnen. Sie alle haben ihn nie selber gesehen oder gehört. Also kommt viel darauf an, dass er ihnen wirklich lebendig wird. Vermutlich hat er lange gegrübelt, wie er das am Besten anstellen kann. Er kannte ja die Berichte von diesem ungewöhnlichen Menschen, die davon erzählten, dass er sich immer auf die Seite der Außenseiter und verachteten gestellt hatte.
Und dann war es ihm vielleicht eines Tages, als wäre er ihm in den staubigen Straßen Antiochias begegnet:
in einem Bettler, der um ein Stück Brot oder einen Schluck Wasser bat;
in einem Fremden, die in der Hoffnung auf irgendein Auskommen in die Provinzhauptstadt gekommen waren;
bei den Kranken, die am Rande der Stadt saßen oder bei denen, die in der Residenz des Statthalters gefangen waren. Und auf einmal - so scheint es mir - auf einmal hat Matthäus gewusst, welche Szene er als allerletzte in seine Geschichte Jesu Christ hinein schreiben musste. Ein Vermächtnis Jesu gewissermaßen am Ende seines Handelns und Redens, ehe es zum bösen Ende kam - mit Verrat und Verleugnung, mit Kreuzigung und Tod. Ein Vermächtnis Jesu, dass den antiochenischen Christen sagt, wo dieser Mann aus Nazareth auch jetzt bei ihnen noch zu finden ist. -
Mein Ärger hat sich ein wenig gelegt. Mein Nachdenken und Nachforschen hat mich zu der Einsicht gebracht, dass Matthäus hier gar nicht vor allem die Frage beantworten wollte, die in den folgenden Jahrhunderten mit diesem Text immer wieder beantwortet worden ist, nämlich die Frage: Was sollen wir denn tun!?
Mir scheint es deutlich, dass Matthäus vor allem eine andere Frage beantworten wollte, nämlich die Frage: wo Jesus Christus und damit Gott denn zu finden sei - in so einer trubeligen großen Stadt, wie Antiochia.
Gewiss, in der Geschichte dieses Textes ist dieser dann immer wieder dazu benutzt worden, das richtige Verhalten der Christen anzuspornen: Christen sollten Werke der Barmherzigkeit tun - also Hunger und Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Solche Dinge zu tun, steht einem Christenmenschen sicher gut an. Und sicher wird Matthäus auch in der Gemeinde von Antiochia dafür schon gute Beispiele gefunden haben. Aber ich glaube, dass die Aufforderung dazu für Matthäus nicht im Vordergrund stand.
Wichtiger war es ihm doch, seinen antiochenischen Mitchristen bei der Suche nach Jesus Christus, nach Gott Hilfestellung zu geben. Und es soll ja heute immer noch Menschen geben, die sich nicht so sicher sind, wo Gott denn zu finden ist. Das ist das Vermächtnis Jesu, erinnert Matthäus: Sucht Jesus, sucht Gott nicht an den falschen Stellen; sucht nicht oben, sondern unten! Wie Gott sein Gesicht verlor, indem er es den Menschen gab, so hat Jesus sein Gesicht denen gegeben, denen Nahrung und Kleidung, Freiheit, Würde oder ein Zuhause vorenthalten ist. Dort ist Gott, dort ist Jesus Christus zu finden!
Und was heißt das nun für uns heute am Volkstrauertag? Was heißt das in diesem Gottesdienst, in dem wir besonders auch an die Arbeit all derer denken, die in unserer Diakoniestation Charlottenburg ganz professionell Werke der Barmherzigkeit tun, wie wir sie seit Matthäus kennen?
Wenn ich die Antwort des Matthäus ernst nehme, dann bedeutet es für mich zweierlei:
Trost an einem Tag der Trauer um Opfer von Krieg und Gewalt
und Zuversicht für eine Arbeit, die immer gerade das Leiden der Menschen in den Blick nehmen muss.
Trost finde ich, wenn ich den Gedanken des Matthäus weiter denke: Gott, Jesus Christus ist bei den Hungernden und Durstigen, bei den Kranken und Nackten, bei den Fremden und Gefangenen zu finden. Konsequent heißt das:
Dort, bei den Soldaten, die im Kessel von Halbe oder von Stalingrad verreckt sind;
dort bei den Müttern, die mit Angst im Kopf und mit Hunger im Bauch in den Bunkern gesessen haben;
dort bei den Gefangenen in Sibirien oder im Kaukasus oder wo auch immer;
dort und bei all denen die das überlebt haben, und die die Folgen bis heute nicht abschütteln können: dort war, dort ist Gott zu finden. Ihre Angehörigen, Sie selber sind von Gott nicht vergessen und verlassen gewesen. Möglicherweise ein tröstender Gedanke am Volkstrauertag.
Und Zuversicht könnte es für Sie stiften, die sie in der Diakoniestation arbeiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie sich im Angesicht des Leidens ihrer Patientinnen und Patienten immer wieder einmal fragen: Wo ist Gott eigentlich? Wo ist Gott eigentlich in dieser menschenunfreundlichen Zeit, in all den leiden, die Menschen tragen müssen? Die Antwort des Matthäus wäre dann: Da, genau da wo Sie Patientinnen und Patienten begegnen, wo Sie täglich versuchen müssen zwischen Zeitdruck und Zuwendung zu balancieren: genau da begegnen Sie Gott - in den Menschen, die Sie pflegen - selbst wenn Ihnen das vielleicht ein ganz fremder Gedanke ist. Und in manchen, die Sie pflegen, kommt Ihnen ja vielleicht sogar der zweite Anlass dieses Tages ganz nahe: In einer Witwe zum Beispiel, die ihren Mann im Zweiten Weltkrieg verloren hat, die von langen Nächten in den Berliner Bunkern erzählt und wie sie die Kinder alleine durchbringen musste und die nun selber alt und krank ist und von Ihnen gepflegt wird.
Wenn also die sogenannte Geschichte vom Weltgericht dazu zu allererst führen würde, dass wir einen guten Blick dafür bekommen, wo Gott, wo Jesus Christus sich in unserer Welt entdecken lässt und wenn sie nicht zur Angst einflößenden Bibelkeule missbraucht würde - dann, liebe Gemeinde, dann könnte mein anfangs beschriebener Ärger besänftigt sein. Denn dann hätte auch ich meinen Platz in dieser Geschichte gefunden. Nicht als schwarzes oder als weißes Schaf, sondern als scheckiges Mitglied einer bunten Weltstadtgemeinde mit all ihren Problemen, das aufs Neue angeregt worden ist, Gott in genau dieser Gemeinde zu finden.

Amen.
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