2 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker.
3 Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort.
4 Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.
Alle Völker, alle Nationen werden zum Berg Zion, zum Tempelberg in Jerusalem kommen, werden dort die Torah lernen, die Weisungen des lebendigen Gottes, des Gottes Israels. Und sie werden nicht mehr das Kriegshandwerk lernen, sondern die Waffen umschmieden zu sinnvollen Geräten.
So hat es der Prophet Jesaja geschaut - und diese Vision hat Israel und später vielen Christenmenschen die Hoffnung geschenkt, daß einst die Völker zusammenfinden werden, daß der Haß zwischen den Völkern und der Unfriede der Welt überwunden werden können.
Alle Völker werden zusammenkommen auf dem Berg des Herrn... Um ein Haar hätte diese sogenannte Völkerwallfahrt ausgerechnet ohne das Volk stattfinden müssen, in dessen Mitte dieses Hoffnungsbild entstand, das diese Vision durch die Jahrhundert bewahrte und überlieferte. Wenn sich die wahnsinnigen Ideen der Nationalsozialisten hätten realisieren lassen, gäbe es heute keine Juden mehr. Und mit dem Ende des jüdischen Volkes wären wohl auch die Verheißung des ganzen Alten Testaments und die Verheißungen des jüdischen Rabbis Jesus zu ihrem Ende gekommen.
Daß es nicht zur völligen Auslöschung des Judentums kam, daß der Holocaust gestoppt wurde, daß Juden - wenn auch viel zu wenige - davonkamen, das lag nicht nur daran, daß die Vernichtungspläne viel zu größenwahnsinnig waren oder daß die Nazis gegen die militärische Überlegenheit der Alliierten letztlich keine Chance hatten. Wir sollten auch nicht die Einzelnen oder die Gruppen vergessen, die in unmenschlicher Zeit Menschlichkeit bewahrten, die sich dem Wahnsinn entgegenstellten, die sich für Juden einsetzten, auch als es nicht opportun war.
Wir kennen manche Geschichte von Menschen, die Widerstand leisteten, die Juden versteckten, oder die - wie etwa Oskar Schindler - ihre schützende Hand über Juden hielten.
Ich will Ihnen heute eine andere Geschichte erzählen, eine, die hierzulande kaum bekannt ist: Die Geschichte, von einem Volk, das heute stolz darauf ist, "seine" Juden gerettet zu haben1 . (Diese Geschichte ist mir noch einmal sehr nahe gekommen, als ich vor wenigen Wochen die Synagoge in Plovdiv, der zweitgrößten Stadt Bulgariens, besucht habe.)
Bulgarien war im zweiten Weltkrieg mit dem Deutschen Reich verbündet. Dabei waren der König Boris2 und die Regierung gar nicht so sehr glühende Anhänger der Naziideologie. Aber man meinte, so das Land vor Krieg und Zerstörung bewahren zu können. Immerhin gab es genügend "willige Vollstrecker", so daß auch in Bulgarien Judengesetze erlassen wurden, die den jüdischen Bürgern ihre Rechte nahmen und vorsahen, daß die Juden in Arbeitslagern außerhalb der großen Städte konzentriert werden sollten. So richtig ernstgenommen wurden diese Gesetze aber nur von wenigen. In einem Land, in dem der Nachbar zuerst einmal Nachbar und erst dann politischer Gegner oder Jude oder Türke ist, in einem Land, in dem man gerne abends beim Schnaps die neuesten Nachrichten austauscht und deshalb ein Geheimnis kaum ein paar Stunden lang ein Geheimnis bleibt, in einem Land, in dem die Obrigkeit für ein bißchen Geld gerne ein Auge zudrückt, war es nicht schwer, die judenfeindlichen Bestimmungen zu unterlaufen. Die Vertreter der nazi-deutschen Regierung in Bulgarien waren empört. Berlin drängte auf schärferes Vorgehen. In aller Heimlichkeit plante das bulgarische Kommissariat für Judenangelegenheiten gemeinsam mit deutschen Vertretern die Deportation der bulgarischen Juden.
Im März 1943 sollten die Deportationen in aller Heimlichkeit beginnen. Schon standen in der westbulgarischen Stadt Kjustendil die Waggons für die ersten Transporte nach Auschwitz bereit. Alles war vorbereitet, die Listen waren erstellt, die Quartiere und Feldküchen für die Versorgung der zu deportierenden Kjusdendiler Juden waren eingerichtet. Aber ausgerechnet der Poliziechef von Kjustendil, ein nicht sehr brutaler, aber bestechlicher und dem Alkohol zugetaner Beamter, der in die Vorbereitungen der Deportation eingeweiht war, warnte seinen jüdischen Nachbarn. Der wiederum trommelte die jüdische Gemeinde zusammen, gemeinsam mit nichtjüdischen Bürgern beschloß man, den Kjustendiler Abgeordneten und stellvertretenden Parlamentspräsidenten Dimitâr Pešev3 in Sofia zu informieren. Es folgten dramatische Stunden. Pešev, ein ruhiger und besonnener Jurist, versuchte den Ministerpräsidenten und auch den König zu bewegen, den Befehl zur Deportation zu wiederrufen. Ohne Erfolg. Pešev drohte, die Sache bei der Parlamentssitzung am nächsten Tag öffentlich zu machen. Die Verantwortlichen begannen Angst vor einer Volksempörung zu bekommen. In letzter Minute wurden die Züge gestoppt, die Deportationspläne vorerst ausgesetzt. Aber nun wußten schon zu viele Menschen Bescheid, und die Nachricht, daß die Regierung geplant hatte, die bulgarischen Juden nach Polen zu schicken, machte schnell die Runde im ganzen Land. Eine in Europa beispiellos Solidarisierung begann. Parlamentarier, Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, die orthodoxe Kirche schrieben Protestbriefe. Überall wurde den Juden tatkräftig geholfen, fast niemand beachtete mehr die Gesetze zur Ausgrenzung der jüdischen Bürger. In diese Atmosphäre fiel der 24. Mai. Der 24. Mai ist in Bulgarien ein sehr populärer Feiertag. Man gedenkt an ihm der Slawenapostel Kyrill und Method, der beiden Mönche, die das erste slawische Alphabet schufen und das slawische christliche Schrifttum begründeten. Ermuntert durch die wachsende Solidarität entschloß sich die jüdische Gemeinde von Sofia, an diesem Tag eine Demonstration zu organisieren. Diesem Umzug schlossen sich auch viele nicht-jüdische Sofioter an. Nicht weniger wichtig war an diesem Tag der Beitrag der orthodoxen Kirche. Der Metropolit von Sofia, Stefan, empfing am Vormittag eine De-legation aus Vertretern der jüdischen Gemeinde unter Führung des Oberrabbiners Ašher Chananel. Er äußerte sein tiefstes Bedauern über das Verhalten der Regierung und versprach zu handeln. Dann begab er sich zum königlichen Palast, wo er energisch forderte, daß der König die Befehle zur Deportation endgültig aufhebt. Schriftlich forderte er Boris auf, die Juden nicht zu verfolgen. Gott, so schrieb er, werde ihn für seine Taten zu Rechenschaft ziehen.
Dann hielt er vor der Alexandâr-Nevski-Kathedrale einen Gottesdienst zur Feier des Kyrill-und-Method-Tages. In seiner Predigt sagte er, die Verfolgung der Juden würde nicht nur die Freude des Tages trüben, sondern stünde auch im Widerspruch zur traditionellen Toleranz der Bulgaren: "Unter dem Dach Bulgariens darf es keine Diskriminierung von Minderheiten geben, denn das bulgarische Volk ist tolerant...An diesem heiligen Tag bitte ich diejenigen, die das Staatsschiff lenken, jede Politik der Diskriminierung, Verfolgung und Spaltung einzustellen".
Auch danach ließ Metropolit Stefan nicht locker, forderte den König immer wieder auf, die Judengesetze endgültig aufzuheben. Und er versteckte den von der Polizei gesuchten Oberrabbiner in seinem Haus.
Mittlerweile war die bulgarische Gesellschaft zu sensibel geworden, als daß sie die Deportation der jüdischen Mitbürger zugelassen hätte. Im August 1944 schließlich wurden alle Regelungen des "Gesetzes zum Schutze der Nation", wie die Judengesetze offiziell hießen, auch rechtskräftig außer Kraft gesetzt.
Während in Auschwitz die Gaskammern auf Hochtouren liefen, während Deutschland schon fast "judenfrei" war, während in Ungarn - als die Rote Armee schon an den Grenzen stand und die Niederlage Hitlerdeutschlands nur noch eine Frage der Zeit war - 300 000 ungarische Juden von der Polizei an die Deutschen ausgeliefert und dann nach Auschwitz deportiert wurden, schafften es die Menschen eines kleinen Landes am Rande Europas, ihre 40.000 jüdischen Mitmenschen vor der Vernichtung zu bewahren4.
Bulgarien liegt auch heute am Rande Europas. In den Nachrichten kommt es - anders als die Nachbarländer - kaum vor. Dabei ist die wirtschaftliche Lage kaum besser als in Rumänien, Serbien oder Mazedonien. Die Menschen sind einfach zu friedlich und tolerant dort, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen.
Immer noch ist der Nachbar zuerst einmal Nachbar und erst dann politischer Gegner oder Jude oder Türke5, immer noch setzt man sich gerne abends beim Schnaps zusammen - gerne auch mit Fremden - um die neuesten Nachrichten auszutauschen, immer noch drücken Vertreter der Obrigkeit für ein bißchen Geld gerne mal ein Auge zu. Es wäre gut, wenn wir diesem kleinen Land etwas mehr Beachtung schenken würden. Nicht nur, weil es ein Beispiel dafür ist, daß es auf dem Balkan auch anderes gibt als Gewalt und Unterdrückung. Sondern auch, weil gerade wir als Deutsche und als Christenmenschen in Deutschland Anlaß haben, denen mit Hochachtung zu begegnen, die - anders als unser eigenes Volk - ihre jüdischen Mitmenschen vor Verfolgung und Vernichtung bewahrt haben.
Wenn dann einst die Vision des Jesaja wahr wird, wenn dann alle Völker auf dem Berg Zion zusammenkommen, wenn dann Friede ist auf dem Tempelberg und überall, wenn dann alle Waffen umgeschmiedet sind und niemand mehr weiß, wie Krieg geführt wird, dann noch wird man derer gedenken, die dazu beigetragen haben, daß der Mord an Israel nicht vollständig ausgeführt wurde. Dann noch wird erzählt werden vom betrunkenen Polizeichef von Kjustendil und vom besonnenen Juristen Dimitâr Pešev, vom mutigen Metropoliten Stefan und vom König Boris, der letztlich doch das Notwendige tat, und von den vielen, vielen, für die ihre jüdischen Nachbarn in erster Linie Mitmenschen waren und blieben.
Wir sollten schon heute immer wieder von solchen Menschen erzählen - und uns immer wieder fragen: hätten wir es genauso gemacht?
Amen.
1Meine Darstellung basiert hauptsächlich auf: Gabriele Nissim: Der Mann, der Hitler stoppte - Dimitar Pešev und die Rettung der Bulgarischen Juden. Siedler Verlag Berlin, 2000 (ISBN 3-88680-694-4)
2Vater des ehemaligen Königs und heutigen bulgarischen Ministerpräsidenten Simeon Sax-Koburggotski
3Näheres zu Pešev im Internet: http://peshev.org (englischsprachige Pešev-Gedenk-Seite)
4Die hier geschilderten Ereignisse betreffen allerdings nicht die 12 000 Juden aus den damals kurzzeitig zu Bulgarien gehörenden thrakischen und makedonischen Gebieten. Diese wurden deportiert und in Auschwitz ermordet.
5Das gilt nach meiner Beobachtung trotz der weitverbreiteten Vorbehalte insbesondere gegenüber den Roma und der türkischen Minderheit.