©Pfarrer Michael Maillard: Komm und sieh(15.07.01)
  Ökum. Friedensgebet 31.01.2002
Ansprache zu seiner Amtseinführung als ordentlicher Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord am 27.08.2006 im Gemeindezentrum Plötzensee Rettung bulgarischer Juden(30.08.01)
Totensonntag(24.11.02)
Bußtag 2003
  Peter und Paul (26.06.2006)
  Amtseinführung (27.08.2006)
  Sonntag Palmarum 2007
  Ökum. Friedensgebet 26.04.2007

EINE LIEBESERKLÄRUNG



(Inspiriert durch Römer 12,4-8)

Liebe ...

... ja, wie soll ich Sie und Euch denn jetzt anreden? Ich möchte nämlich gerne an das Bild des Paulus aus der Epistel, die wir heute gehört haben, anknüpfen - an das Bild von der Gemeinde, der Kirche als Körper, dessen einzelne Organe alle ganz verschiedene Aufgaben haben und doch alle wichtig sind. Liebe Kirchenkörperteile? Das klingt komisch. Liebe Organe? Auch nicht besser.

Also ganz klassisch:

Liebe Gemeindeglieder,

das ist für mich heute ein besonderer Tag. Nicht, weil sich für mich in meinem Leben, in meinem Leben als Pfarrer, besonders viel änderte. Mein Alltag wird nach diesem Festtag heute nicht viel anders aussehen als bisher, nicht viel anders als in den sechs Jahren, die ich schon hier in dieser Gemeinde mitwirke. Obwohl ich ja nun fast zu 100 Prozent hier bin und nicht mehr wie bisher etwa zur Hälfte im Religionsunterricht. Besonders ist dieser Tag für mich, weil ich spüre: Hier bin ich richtig. Das einstimmige Votum der Gemeindeorgane, die vielen Grüße, Ermunterungen, Glückwünsche, die mich erreichten, die Tatsache, dass heute so viele Menschen hier sind, waren und sind für mich eine große Freude und Ermutigung.

Und weil das ein besonderer Tag ist, will ich heute etwas Besonderes tun. Ich will nämlich ausnahmsweise von dieser Kanzel aus keine richtige Predigt halten, also nicht das Evangelium - die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes - verkünden und auslegen.
Sondern ich will öffentlich eine Liebeserklärung abgeben.

Viele von Ihnen kennen ja sicherlich den Film "Feuerzangenbowle", in der Heinz Rühmann einen jungen Schriftsteller darstellt, der sich als Schüler verkleidet, um einmal auszuprobieren, wie es sich als Gymnasiast lebt. Seine Geliebte allerdings hat überhaupt kein Verständnis für diese Spielerchen und versucht, ihn da rauszuholen. Als sie beide auf dem Weg zum Bahnhof noch einmal am Gymnasium vorbeikommen, guckt der vermeintliche Gymnasiast noch einmal kurz zu seinem Klassenzimmer hinauf - und wie sagt er dann plötzlich zur werten Verlobten?:
"Weißt du was? Ich fühle mich hier sauwohl. Ich bleibe hier".

Und genau das will auch hier und heute Ihnen und Euch allen sagen: "Ich fühle mich hier sauwohl. Hier will ich bleiben".

Manche meiner Freunde können das nicht so richtig verstehen. Charlottenburg-Nord - da ist doch nur Öde. Jakob-Kaiser-Platz. Autobahn. 60-er-Jahre-Mietshäuser. Wenig Leben, kaum Kultur, überalterte Bevölkerung, soziale Probleme. Na gut, das mit der Gedenkarbeit, Plötzenseer Totentanz und so, und mit euren intensiven ökumenischen Kontakten ist ja ganz interessant und wichtig. Aber sonst?

In meiner ersten Zeit hier habe ich solchen Stimmen gelegentlich insgeheim recht gegeben. Da habe ich mich so manches Mal zurückgesehnt nach dem Prenzlauer Berg, an die vielen Kinder dort in den Christenlehregruppen, an die interessanten Leute, die da im Kiez leben, an die vielen netten Kneipen, an das Engagement vieler in den Kiezinitiativen und so weiter. Aber das hat sich geändert. Ich sage es noch einmal: Ich fühle mich hier sauwohl.

Und das hat nicht nur damit zu tun, dass ich hier vielen Menschen begegne, die mir verständnisvoll, wohlwollend, interessiert entgegentreten. Es hat vor allem damit zu tun, dass ich diese Gemeinde wirklich als - um das Bild des Apostel Paulus zu gebrauchen - Leib Christi, als Organismus aus vielen einzelnen Körperteilen, erlebe. Und diese einzelnen Teile haben ganz viele, ganz unterschiedliche Gaben und Begabungen, bringen sich auf ganz verschiedene Weise ein für das Ganze.

Natürlich klappt das Zusammenspiel nicht immer und längst nicht so gut, wie es sein sollte. Wir kennen das ja auch von unserem eigenen Körper: manchmal wollen die einzelnen Organe ganz Unterschiedliches. Der Kopf sagt vielleicht: Setz dich auf deinen Hintern und tue deine Arbeit. Der Magen aber sagt: Erst einmal brauche ich aber etwas zum Essen. Und der Nacken sagt: Jetzt könnte ich eine zärtliche Massage gebrauchen, während sich die Beine zu Wort melden: ein Spaziergang, etwas Bewegung könnte uns guttun. So ist es auch in der Gemeinde. Manchmal weiß die eine Hand nicht, was die andere tut. Manchmal wollen die Leute in verschiedene Richtungen, manchmal klappt die Koordination überhaupt nicht, manchmal wundert man sich, dass dieser Organismus überhaupt noch zusammenhält. Aber darüber wollen (und müssen) wir ein andermal reden. Heute geht es mir hauptsächlich um die verschieden Gaben der einzelnen Teile des Leibes, um das also, was Menschen gegeben ist und was sie weitergeben zum Wohl der Gemeinde und der Gemeinschaft; um die Begabungen, die sie einbringen in das Gemeindeleben; um ihre Talente und Fähigkeiten und ihr Engagement.

Paulus zählt in dem Abschnitt, den wir vorhin gehört haben, etliche solcher Begabungen, die damals, zu seiner Zeit, wichtig waren, auf. Prophetisches Reden, Lehren, Leiten, Geben, Barmherzigkeit üben und andere. Es sind ganz verschiedene Aufgaben, aber alle sind wichtig, alle sind notwendig, alle zusammen gehören zu dem Auftrag der Kirche. Keiner kann allein alle diese Aufgaben übernehmen (auch wenn manche immer noch denken, der Pfarrer sei doch für alles irgendwie zuständig). Keiner aber auch muss all das können. Es gibt ja welche, die das eine gut können, und welche, die das andere machen können. Und ganz egal, was du gut kannst: Deine Fähigkeiten sind in der Gemeinde herzlich willkommen. Und mehr noch: sie werden auch dringend gebraucht.

Doch zurück zu dem Grund, warum ich mich hier so wohl fühle:

Hier, in Charlottenburg-Nord, in diesem scheinbaren Ödland inmitten von Laubenkolonien und Hochhäusern, sehe ich etliche Menschen, die von ganzem Herzen ihre Gaben, ihre Fähigkeiten und Talente, ihre Zeit und auch ihr Geld einsetzen zum Wohl der Mitmenschen. Oft tun sie das ganz im Verborgenen, ohne irgendein Aufhebens davon zu machen, und oft ist es ihnen sogar peinlich, wenn man ihnen dafür dankt.

Einige, ganz wenige, solcher Gaben will ich hier exemplarisch erwähnen - (Ich beschränke mich dabei auf Charismen, die Paulus nicht erwähnt, die aber doch unendlich wichtig sind, und konzentriere mich dabei auf das, was Menschen bei uns ohne Bezahlung, ehrenamtlich also, tun. Sonst würde es einfach zu viel werden).

  1. Die Gabe des Kuchenbackens und des Kochens. Diese Gabe ist wichtiger, als viele Leute glauben. Denn die emsigen Damen etwa, die Dienstag für Dienstag Kuchen und Torten backen, die dann im "Café K" verkauft werden, helfen uns ja nicht nur zu schönen Stunden im Café, sondern sie machen durch den Verkaufserlös viele Dinge in der Gemeinde erst möglich. Zum Beispiel können wir einen neuen Vorhang im Saal Nord nur finanzieren dank eines dicken Zuschusses des Café K.
     
  2. Die Gabe, im richtigen Moment "Hier bin ich" zu sagen. Der Mittwochskreis oder der Bibelgesprächskreis braucht jemanden als Koordinatorin oder Leiter? Jemand wird gesucht, der alte Menschen zum Gottesdienst abholt? Einer müsste mal das Archiv aufarbeiten? Schon meldet sich jemand und sagt: Mach ich. Natürlich klappt das nicht immer. Aber sehr oft. Und das ist wirklich toll.
     
  3. Die Gabe der Aufgeschlossenheit. Schon in meinen ersten Tagen in dieser Gemeinde ist mir aufgefallen, wie aufgeschlossen Menschen hier sind: für ökumenische Begegnungen, für Menschen mit anderen Lebensentwürfen, für neue Ideen und neue Sichtweisen. Ich erlebe wenig Misstrauen, wenig Engstirnigkeit, wenig Verkrampftheit. Das erleichtert das Arbeiten und besonders das Feiern der Gottesdienste hier ungemein.
     
  4. Die Gabe der Freigiebigkeit. Viele Leute in unserer Gemeinde haben ja wirklich nicht viel Geld. Und dennoch tragen viele gerne das Ihre bei. Besonders nennen will ich hier nur die, die Monat für Monat ihr Kirchgeld zahlen und uns so helfen, wichtige Bereiche unserer Gemeindearbeit zu finanzieren.
Noch viele andere Begabungen und Fähigkeiten könnte ich nennen, die Menschen - Haupt- und Ehrenamtliche - in die Gemeindearbeit einbringen. In den Helferkreisen etwa oder als Konfa-Teamer, beim Gestalten des Gemeindeblattes oder der Homepage, beim Putzen, Bauen und Renovieren, beim Planen und Durchführen von Festen, Gottesdiensten, Gemeindeveranstaltungen aller Art. Bei Besuchen und Gesprächen. Oder ganz im Verborgenen durch ein gutes Wort oder ein kurzes Gebet.

Unsere Gemeinde ist wirklich ein lebendiger Organismus aus ganz vielen Gliedern, die alle zusammen das ausmachen, was Kirche ist und sein soll: Leib Christi.

Und deshalb sage ich es noch einmal: Hier fühle ich mich wohl. Hier will ich bleiben - jedenfalls noch eine ganze Weile. Hier will ich mich - mit dem, was mir gegeben und aufgeben ist - beteiligen an der Aufgabe, die uns allen zusammen gestellt ist. Im Leitbild unserer Gemeinde heißt es: "Mit der ganzen Christenheit wollen wir Zeugen der Menschenfreundlichkeit Gottes sein, die in Jesus Christus Gestalt annahm, und für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wirken. "

Danke, dass ich mit Euch und mit Ihnen daran mitwirken darf.

Amen.


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