Epheserbrief 2,19-22
Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.
Liebe Geschwister...
die Gemeinde Jesu Christi als ein Haus, zusammengefügt aus verschiedenen Steinen - dieses Bild begegnet mehrfach im Neuen Testament. Für heute - das Fest der Apostel Petrus und Paulus - wird uns nach der Leseordnung der Evangelischen Kirche besonders der Abschnitt aus dem Epheserbrief zum Nachdenken vorgeschlagen, den wir als 1. Lesung heute schon gehört haben. Die Gemeinde wird hier verglichen mit einem Gebäude, einem Tempel, der Wohnung Gottes. Das Fundament bilden die Apostel und Propheten, und der Schlussstein ist Jesus, der Christus. Der Schlussstein - das ist der letzte Stein, der oben in ein Gewölbe eingesetzt wird. Nur durch ihn trägt sich das Gewölbe, ohne ihn würde es zusammenstürzen. Er hält das gesamte Gebäude zusammen.
Ein gutes Bild für die Gemeinde ist das, finde ich. Wir alle, wir, die wir zu Jesus gehören, sind die lebendigen Steine, aufgebaut auf die Überlieferung der alten Kirche, der apostolischen Zeit. Und zusammengehalten werden wir durch Jesus Christus.
Wir könnten jetzt viel darüber nachdenken, ob dieses Bild denn der Wirklichkeit entspricht. Ist die Kirche wirklich ein Haus? Ist es denn nicht eigentlich so, dass wir nach wie vor mehrere Häuser bilden, die zwar eine ganz ähnliche Architektur haben, aber dennoch deutlich unterschiedliche Gebäude sind? Ein ganzer Gebäudekomplex, verbunden zwar durch mancherlei Korridore, aber doch unübersehbar voneinander getrennt, auch durch Mauern, die an verschiedenen Stellen den Zugang zueinander versperren. Und an welcher Stelle dieses Gebäudekomplexes sitzt der Schlussstein? Und welche Rolle spielen die Fundamentsteine, besonders der Stein, der für Petrus steht?
Wir sehen, liebe Schwestern und Brüder, dieser alte Text führt uns direkt hinein in das Nachdenken über unsere heutige Situation, unsere kirchliche Realität. Schmerzhaft macht er uns bewusst, dass der Leib Christi immer noch geteilt ist. Zwar sind wir uns sehr nahe gekommen - besonders hier im Charlottenburger Norden. Gott sei Dank können wir hier gemeinsam beten und singen und uns der Heilstaten unseres Gottes erinnern und uns miteinander und aneinander freuen. Aber immer noch gibt es - um mal im Bild zu bleiben, keine Möglichkeit, uns in unserem Haus in einem gemeinsamen Speisesaal zu Brot und Wein an einen ge-meinsamen Tisch zu setzen - jedenfalls nicht offiziell.
Aber: Das soll uns nicht mutlos und hoffnungslos machen. Denn der Mensch, der da an die Gemeinde im antiken Ephesos schreibt, lebte in einer Situation, in der es eine Mauer zwischen Menschen gegeben hatte, die noch viel, viel höher und undurchlässiger gewesen war als die, die uns voneinander trennt. Damals war es die Mauer zwischen Juden- und Heidenchristen, zwischen Jesusanhängern also, die aus dem Judentum kamen und solchen aus den anderen Völkern. Der Briefschreiber hatte aber erlebt, dass diese Trennwand eingerissen wurde. Und das war so gekommen: Die ersten Christen, die Menschen der Jerusalemer Urgemeinde, kamen ja alle aus dem Judentum, blieben der jüdischen Tradition und dem Gesetz treu. Dann jedoch kamen Menschen aus den anderen Völkern dazu, bekannten sich zu Jesus, dem Messias. Das stellte die junge Gemeinde vor riesige Probleme. Die Frage war: können die Menschen aus den Heidenvölkern Christen werden, ohne Juden zu werden? Müssen sich die Männer also beschneiden lassen? Müssen alle - Männer wie Frauen - auch die anderen Regeln, etwa die Speisegesetze, einhalten? Die einen meinten: Ja, die Weisungen des Alten Bundes sind für alle verbindlich. Also müssen auch die Heidenchristen auf den Genuss blutigen Fleisches verzichten, die jüdischen Feste begehen, die Knaben und Männer beschneiden lassen usw. Andere meinten: Nein, bloß nicht. Das Zentrum der Christus-Verkündigung ist doch die Gnade Gottes. Diese Gnade allein und nichts anderes lässt den Menschen leben, macht ihn wieder heil, rettet ihn. Auf diese Gnade hat der Mensch keinen Anspruch, er kann sie sich nicht durch Leistung oder die Einhaltung von äußerlichen Riten verdienen. Gott schenkt seine Gnade den Menschen nicht, weil sie bestimmte Regeln und Gesetze einhalten, sondern einfach, weil er ein guter, menschenfreundlicher Gott ist. Und deshalb wäre es ein Rückfall, ja, ein Verrat am Evangelium, wenn man den Heidenchristen die Einhaltung der jüdischen Gesetze auferlegen würde.
Für viele gesetzestreue Judenchristen war dieser Weg kaum denkbar. Wir müssen dazu wissen, dass es für fromme Juden z.B. unmöglich war, sich bei einem Nichtjuden an den Tisch zu setzen und mit ihm zu essen - denn das Essen war ja unrein, die Tischgemeinschaft zwischen Juden und Nichtjuden also Sünde. Eine fast unüberwindbare Mauer trennte beide Gruppen - und diese Mauer drohte auch die Anhänger Jesu auseinander zu reißen.
Der erste große Konflikt der Kirchengeschichte brach aus. Bewahrer des mosaischen Gesetzes gegen Befürworter der christlichen Freiheit. Als dann Menschen aus Judäa - aus dem Umfeld der Jerusalemer Urgemeinde also - nach Antiochia kamen, eskalierte die Situation. Antiochia - das ist das heutige Antakya in der Türkei - war eine der ersten größeren Gemeinden, die aus Griechen bestand. Und nun kommen da welche aus Judäa und sagen ihnen: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.
Die Aufregung ist groß. Wird die junge christliche Kirche schon auseinanderbrechen??
Man entschließt sich, in Jerusalem einen Krisengipfel zu veranstalten. (Im 15. Kapitel der Apostelgeschichte ist der ganze Vorgang nachzulesen). Und nun kommen die beiden Menschen ins Spiel, die an diesem Festtag heute besonders im Mittelpunkt stehen: Petrus und Paulus. Wir feiern für sie einen gemeinsamen Gedächtnistag, obwohl sie damals durchaus in gegnerischen Mannschaften spielten und manches, was sie taten, als Foul zu werten war.
Petrus war einer der Exponenten der Jerusalemer Gruppe. Wir erinnern uns: Simon Petrus, der einfache Fischer aus Galiläa, gehörte, ja von Anfang an zu der Schar um Jesus. Er war der erste, der es aussprach: Jesus ist der erwartete Messias, der Christus. Nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu wurde er - obwohl er sich vorher oft als schwach und unzuverlässig erwiesen hatte - einer der Grundsteine der Gemeinde. Sein Leben lang blieb er der jüdischen Tradition verbunden, auch wenn er der erste war, der einen Nichtjuden taufte. Er war wohl mehr ein praktisch veranlagter Mensch. Gewiss war er - anders als Paulus - weder rabbinisch noch philosophisch geschult; ausgefeilte theologische Gedanken waren nicht seine Sache, dafür um so mehr das Gewinnen von Menschen für die Sache Jesu: ein Menschenfischer sollte er, der gelernte Fischer, sein, hatte Jesus zu ihm gesagt, ein Menschengewinner und Gemeindeorganisator war er wirklich; groß war die Menge der Fische in seinem Netz.
Paulus, der auf hebräisch Saulus hieß, hingegen war Sohn vermögender jüdischer Eltern mit römischem Bürgerrecht, war in einer gebildeten griechisch-bürgerlichen Umgebung aufgewachsen und beherrschte die griechische Sprache. Obwohl er sein Geld als Zeltmacher verdiente, war er ein engagierter Theologe der glaubenstreuen jüdischen Gruppe der Pharisäer. Sein Eifer für den Gott Israels ließ ihn zunächst diese neue Gruppierung, die Christen, heftig bekämpfen. Aber eine wunderbare Begegnung mit dem auferstandenen Christus veränderte sein Leben von Grund auf. Er wurde Christ, Apostel, Missionar. Unermüdlich reiste er durch das riesige Römische Reich, predigte in den Synagogen und auf den Marktplätzen. Er war der Heidenmissionar überhaupt. Es war ihm ein Herzensanliegen, dass die Menschen, die er, der immer ein Jude blieb, aus den anderen Völkern für Jesus gewann, sich nicht dem jüdischen Gesetz unterwerfen mussten. Zur Freiheit hat uns Christus befreit - das war einer seiner Leitsprüche.
Und nun sind diese beiden Männer - zusammen mit vielen anderen urchristlichen Aktivisten - in Jerusalem zusammen, um den großen Konflikt zu bearbeiten. Was kaum möglich schien, gelingt. Es wird eine Lösung gefunden. Beide, Petrus und Paulus, setzen sich dafür ein, dass man zusammenbleibt, dass man das Trennende nicht wichtiger nimmt als das Verbindende: Jesus Christus.
Der gemeinsame Beschluss besagte, dass den Heidenchristen keine "Lasten aufgebürdet" werden sollen. Das heißt, sie sollten sich nicht beschneiden lassen müssen und auch sonst nicht die jüdischen Regeln einhalten müssen. Sie sollten nur das tun, was mindestens für die Gemeinschaft mit Juden notwendig war, also kein Götzenopferfleisch und nichts, was Blut enthielt, essen, und auf bestimmte Heiratsgesetze Rücksicht nehmen.
Die Mauer zwischen Juden und Heiden in der Gemeinde war damit eingerissen. Besser gesagt: Christus selbst hatte sie eingerissen. Denn für die Apostel war klar, dass solch eine bislang unvorstellbare Entwicklung nur das Werk des Heiligen Geistes sein konnte.
Doch zurück zu unserem Abschnitt aus dem Epheserbrief. Wenn wir dort ein bisschen weiter vorne lesen, merken wir, dass es dem Verfasser genau darum geht, dass Juden und Heiden durch Christus zusammengeführt wurden. Er ist der Friede, können wir da lesen. Er hat die Feindschaft getötet, hat die trennende Wand der Feindschaft niedergerissen.
Die Menschen aus den anderen Völkern gehörten nun dazu - zum Volk Gottes, zum Volk der Verheißung. Sie sind nun nicht mehr "Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes". Und dann kommt dieses wundervolle Bild von dem Haus, das auf dem Fundament der Apostel aufgebaut ist und zusammengehalten wird durch den Schlussstein Christus.
Wenn es möglich war, in Christus die Trennung, die Feindschaft zwischen Juden und Heiden zu überwinden, warum sollte, so frage ich, nicht auch die Trennung zwischen den Konfessionen überwunden werden? Warum sollten nicht die Mauern, die zwischen uns sind, genauso einfallen wie die "Wand der Feindschaft" zwischen den Gruppen damals, die doch unüberwindlich schien. Warum - um Himmels willen - sollte es nicht gelingen, dass sich alle Christenmenschen aus allen Konfession an dem einen Tisch des Herrn versammeln?
Ich bin sicher, es wird dazu kommen - früher oder später (auch wenn wir wohl noch etwas Geduld haben müssen). Der Geist des lebendigen Gottes wird uns dahin bringen. Und was können wir dazu tun? Mir scheint, das Wichtigste ist: dass wir uns das eine immer und immer wieder klarmachen: Jesus, der Christus, ist es, er allein, der das ganze Gebäude zusammenhält. Er allein lässt den Bau, die Kirche wachsen zu dem Tempel des lebendigen Gottes. Er ist der Anfang und Vollender des Glaubens, das A und das O. Wenn wir uns auf ihn, den Schlussstein, konzentrieren, uns nach ihm ausrichten, auf ihn allein hören, dann werden wir - als die lebendigen Steine - uns ganz von alleine zu einem wundervollen, neuen Gebäude zusammenfügen. In diesem wird es wohl verschiedene Flügel und viele ganz unterschiedliche Räume geben, aber endlich ein gemeinsames Esszimmer mit einem großen Tisch in der Mitte, an dem alle Platz haben.
Petrus und Paulus und die anderen Männer und Frauen der ersten Stunde haben ein gutes, festes Fundament für dieses Haus gelegt. Gott sei Dank.
Amen.