©Pfarrer Michael Maillard: Komm und sieh(15.07.01)
Rettung bulgarischer Juden(30.08.01)
Predigt am Totensonntag (24.11.2002)
im Gemeindezentrum Plötzensee
Ökum. Friedensgebet 31.01.2002
Totensonntag(24.11.02)
Bußtag 2003
  Peter und Paul (26.06.2006)
  Amtseinführung (27.08.2006)
  Sonntag Palmarum 2007
  Ökum. Friedensgebet 26.04.2007

während der Ausstellung "Plötzenseer Totentanz und das Antlitz der Engel"

Motto des Gottesdienstes:
"Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und dich auf den Händen tragen".


Predigttext: 1. Könige 19,4-8

Elia ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: "Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter." Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: "Steh auf und iss!" Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des Herrn kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: "Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir." Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.



Viele von uns, liebe Gemeinde, mussten Abschied nehmen im vergangenen Jahr, vor einigen Monaten oder vor wenigen Tagen, Abschied von einem Menschen, der uns nahestand, mit dem wir eng verbunden waren, den wir achteten oder liebten, auf den wir vielleicht angewiesen waren oder ohne den wir uns das Leben möglicherweise gar nicht so recht vorstellen konnten.
Auch die, die keinen Todesfall zu beklagen hatten, kennen Situationen, in denen plötzlich alles so ganz anders ist als bisher. Das Leben gerät aus der Bahn, wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Fragen quälen uns. Trauer lähmt uns. Die Zukunft liegt im Dunkeln. Manchmal ist da nur noch das Gefühl: Es reicht. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.
Es reicht - ich kann nicht mehr - ich will nicht mehr -- so ging es auch Elia, dem Propheten aus der Frühzeit Israels. Dieser Gottesmann hatte sich angelegt mit dem König Ahab und der Königin Isebel, er hatte es sich mit ihnen verscherzt und musste fliehen. Auf der Flucht durch die Wüste überkam ihn die Verzweiflung. Es ist doch alles umsonst. Es hat doch alles keinen Zweck. Es ist genug, am liebsten würde ich die Au-gen schließen - für immer.
Er legte sich unter einen Wacholderbusch und schloss die Augen. Nun, nicht für immer, aber doch für einen tiefen Schlaf der Erschöpfung. Nur nichts mehr sehen müssen, nichts mehr spüren müssen, nichts mehr tun müssen...
Doch ein Engel trat zu ihm, berührte ihn, sagte zu ihm: Steh auf und iss. Und Elia machte die Augen auf und sah: da lag ein geröstetes Brot, da stand ein Krug mit Wasser. Er aß und trank - und legte sich wieder hin. Der Engel musste noch einmal kommen: Steh auf und iss, du hast einen weiten Weg vor dir. Da stand Elia auf, aß das Brot, trank vom Wasser, und ging - gekräftigt und gestärkt - seinen Weg, machte sich auf, neuen Zielen entgegen.
Eine schöne Geschichte. Aber hilft sie uns, wenn wir am Boden liegen? wenn wir nicht weiterwissen? wenn uns Trauer oder Schmerz das Leben verdunkeln? Wir haben doch noch nie einen Engel gesehen - außer auf Bildern; wir haben doch noch nie gespürt, dass uns ein Engel berührt...
Sind wir uns da so sicher? Elia da unter seinem Wacholderbusch hat doch auch den Engel nicht gesehen und - besinnungslos wie er war - seine Berührung auch nicht bewusst gespürt. Trotzdem wusste er: ein Engel war dagewesen. Da standen ja Brot und Wasser, das Not-Wendige, das, was Elias Not wendete. Wer weiß, wie der Engel ausgesehen hat. Vielleicht war es eine himmlische Lichtgestalt, vielleicht auch einfach ein umherziehender Hirtenjunge, der einfach das Richtige tat, als er den erschöpften Mann da liegen sah.
Wichtig ist doch: Elia fand das, was ihm wieder auf die Beine half. Gott schenkte ihm neue Kraft, neuen Mut, neuen Lebensgeist. Der ihm das brachte, das war ein Engel, ganz gleich ob Lichtgestalt oder Hirtenjunge, ganz egal ob da ein Wunder geschah oder "nur" einer das Selbstverständliche tat (was uns ja auch manchmal schon wie ein Wunder vorkommt).
So gesehen haben wir möglicherweise doch auch schon mit Engeln zu tun gehabt. Denken wir doch nur mal an Zeiten der Trauer, der Trennungen, des Schmerzes, der Erschöpfung. Gab es da nicht so Manches, was uns weiterhalf? was uns half, uns auf den Weg zu machen, der vor uns lag? was uns Kraft schenkte, Mut machte, Zuversicht gewinnen ließ? Was für Elia Brot und Wasser war, das waren für uns vielleicht gute Worte, die uns jemand sagte oder schrieb, ein Vers - ein Gedicht - ein Bild, als uns selbst die Worte und Vorstellungen fehlten. Oder jemand nahm uns in den Arm oder hielt uns die Hand, als wir Nähe und Trost brauchten. Oder jemand brachte uns auf eine Idee, machte einen Vorschlag, eine Anregung, die wir aufnahmen und dann entdeckten: es gibt neue Möglichkeiten, neue Ziele, neue Aufgaben für uns.
Jeder hat wahrscheinlich etwas anderes gefunden an der Stelle, an der für Elia Brot und Wasser bereitstanden. Jedem schenkt der Engel Gottes etwas anderes, was ihm hilft, seinen Weg zu finden, seinen Weg zu gehen.
Wenn wir heute zurückblicken auf das zurückliegende Jahr und auf die Trauer, den Schmerz, die Enttäuschungen, die es mit sich brachte, dann ist es - denke ich - gut, auch darüber nachzudenken, ob uns nicht ähnliches widerfahren ist wie dem Elia. Was hat uns gestärkt und getröstet? Was hat uns geholfen, nach dem Tod eines geliebten Menschen trotz aller Trauer wieder nach vorne zu schauen? Was hat uns geholfen, mit einer Enttäuschung fertig zu werden? Was war für uns das geröstete Brot, der Krug mit Wasser in der zurückliegenden Zeit? Was hat der Engel Gottes uns hinge-stellt? womit uns angerührt? welchen Weg gezeigt?
Die meisten könnten da einiges erzählen. Von Gesprächen und Begegnungen, die weiterhalfen, von kleinen und großen Dingen, die Freude machten und Hoffnung weckten. Von Erlebnissen und Erfahrungen, die neue Perspektiven eröffneten und unsere Füße neue Schritte wagen ließen. Und wir können entdecken: es gibt sie, die Engel, die - oft unerkannt - uns das bringen, was uns zum Leben hilft. Es müssen - wir wissen es längst - nicht Männer mit Flügeln sein und keine leuchtenden Himmelswesen. Es kann auch die Nachbarin sein oder der Enkel, der Unbekannte neben dir in der Kirche oder in der U-Bahn, der Sprecher im Radio oder die Dichterin, die die Wor-te fand, die dich trafen. Engel sind eigentlich nichts weiter als Boten, Boten der Liebe Gottes. Wo die liebenden Gedanken Gottes eine Gestalt finden, wo sie uns in einem Bild, in einer Vision oder in einem ganz normalen Mitmenschen begegnen, in dir oder in mir, - da ist ein Engel.
Gut, wenn wir sie entdecken können. Gut, wenn wir, was sie uns bringen, wozu sie uns helfen, nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern als Geschenk erkennen. Gut, wenn wir - bei aller Trauer und allem Schmerz, auch "danke" sagen können für alle Behütung und Begleitung.
Das nimmt uns die Trauer und den Schmerz nicht einfach weg, und wir sollten auch nicht versuchen, sie zu überspielen oder beiseite zu schieben. Aber Trauer und Schmerz können sich verwandeln, wenn wir den Gaben Gottes in uns Raum geben, die Möglichkeiten, die er uns schenkt, die Hilfen, die er uns anbietet, die Stärkungen, die er uns zuteil werden lässt, annehmen und uns von ihm sagen lassen: Steh auf und iß, es gibt einen Weg, der vor dir liegt, es gibt einen Weg, den du gehen kannst. Steh auf und lasse dich stärken, ich habe noch etwas für dich und mit dir vor.
Und wenn nun jemand sagt: Ich habe so etwas nicht erlebt: Brot und Wasser für den Weg, Stärkung, Trost, neue Perspektive? Wenn nun jemand nichts davon erfahren hat, dass da ein Engel, ein liebender Gedanke Gottes ihn berührte? Wenn nun die Trauer und der Schmerz gar enden wollen und kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist? Was dann?
Zunächst einmal: Trauer braucht seine Zeit, Überwindung von Verzweiflung und Enttäuschung braucht seine Zeit. Da kann und soll man nicht drängen. Jede, jeder hat da seinen eigenen Rhythmus. Auch Elia unter seinem Wacholderbusch kam ja nicht gleich wieder auf die Beine, als der Engel da zu ihm kam. Er musste zum wiederholten Male Brot und Wasser vorfinden, ehe er stark genug war, sich wieder auf den Weg zu machen. So mag es auch Menschen unter uns gehen. Wir können da nur mit ihnen und für sie hoffen und beten, dass sie doch noch spüren, dass "Gott seinen Engeln befohlen hat, sie zu behüten". Und wir können versuchen, selber für sie zum Engel zu werden: ihnen zu geben versuchen, was sie brauchen, bei ihnen bleiben, sie begleiten auf ihrer Wanderung durchs finstere Tal.
Brot und Wasser brachte der Engel dem Elia als Stärkung für seinen Weg.
In Brot und Wein schenkt Gott sich uns, damit wir gestärkt werden für unseren Weg, damit wir Vertrauen gewinnen ins Leben, damit wir Botinnen und Boten seiner Liebe und seines Friedens sein können. So wollen wir auch heute das Brot teilen und das Getränk des Weinstocks trinken - als Stärkung für unseren Weg, als Zeichen der Nähe Gottes, als Ausblick auf die kommende Welt Gottes, in der alles Leid und aller Schmerz verwandelt sein wird in Freude.
Amen.


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