"Zehn Gründe für ein gutes Leben" vom 07.10.2007 |
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"Hinausgehen aus dem Lager" über Hebräer 13, 12-14 |
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" |
"Wahrheit und Zeit" |
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"Hinausgehen aus dem Lager" vom 09.03.2008 |
"Darum hat auch Jesus, auf daß er heiligte das Volk durch sein eigen Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So laßt uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."
Liebe Gemeinde,
liest oder hört man diesen kurzen Text, so schrickt man doch erst einmal zurück. Was für eine Konzentration! Es gibt nicht viele neutestamentliche Passagen, die in so gedrängter Form eine derartige Fülle an gewichtigen religiösen Themen ansprechen. Von Jesus ist die Rede, dann von dem Volk, das er heiligt, und zwar durch "sein eigen Blut" - gemeint ist: durch die Kreuzigung. Es geht aber offensichtlich mehr noch um "uns", die Hörer, die wir auf bestimmte Weise "hinausgehen" sollen. Wir sollen
Das ist alles irgendwie verwirrend. Man weiß nicht recht, aus welchem Lager? Und weshalb diese Aufforderung zum Aufbruch? "Blut" und Leiden Jesu sind bekannte Motive, aus der Abendmahlsfeier zum Beispiel. Auch tauchen sie in vielen Gesangbuchliedern auf, und während der Passionszeit ist man kaum erstaunt, davon in der Predigt zu
Und in der Tat, das ist auch gemeint! Gemeint ist jenes Hinaus, jenes Darüberhin, von dem viele biblische, auch alttestamentliche Autoren sprechen, und in dem das Geheimnis des Glaubens geborgen ist. Schon von dem Erzvater Abraham heißt es im Hebräerbrief: "Er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist"
Dass das Leben nicht aufgeht in der Summe dessen, was wir vorfinden und bewerkstelligen, ansammeln und vermehren, das zu erkennen, ist keine allzu schwere Aufgabe. Unser Leben und Dasein weist ja selbst über sich hinaus; es umspannt einen größeren Horizont, und dabei denke ich zum Beispiel gerade an all die geistigen Gaben, die offenbar werden, wenn dreizehn- und vierzehnjährige Schüler einen Kammermusikabend gestalten. Was für ein wunderbares, stolzes Erlebnis ist das, und ich freue mich daran mehr als über einen professionellen Abend im Konzertsaal. Aber man kann auch im weiteren Sinne an die Schaffenskraft des Menschen denken, an sein Vermögen zur Freundschaft und das Streben nach Gerechtigkeit, das vielen einfach eingeschrieben ist.
Es gibt diese Richtung, die hinausgeht über das Leben im Fixierten, im Immer-schon-so-Gewesenen, im "Lager". Das ist die Verheißung des Lebens selbst. Es ist aber auch die Verheißung des Glaubens. Wie gesagt: Wer auf Gott vertraut, der hofft auch auf ihn. Gott stellen wir unser Leben und auch unser Sterben anheim. "Glauben" - das ist ein Grundgefühl, eine Grundstimmung des Seins. In Worten ausgedrückt, mag sie etwa dies bedeuten: Ihm verdanken wir alles, was wir sind. Gott ist die Quelle allen Lebens. Er ist der Urheber der Welt, und er trägt und bewahrt uns an jedem Tag und in jeder Nacht.
Dieses Gefühl ist sich aber nicht selbst genug. Wer recht auf Gott vertraut, der wird sich nicht einnisten in der kleinen Kammer, wo es warm und gemütlich ist, gesichert vor Sturm und Regen, umgeben von den vertrauten Gegenständen und ausgestattet mit einer Tür, die man schließen kann. Man will nicht verharren, sondern befindet sich in einer Bewegung, die auf Gott zuläuft. Der Wunsch nach seiner Nähe ist intuitiv, sein Ausdruck ist Gebet: "Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein." Der fromme Mensch bittet: "In Sorge, im Schmerz sei da, sei uns nahe, Gott."
Nicht umsonst ruft der Eingangsvers aus dem Predigttext das Leiden Jesu auf dem Berg Golgatha in Erinnerung. Ein blutiges Leiden, ein Untergang, ein schmachvolles Sterben. Doch er trug diese Pein und "achtete der Schande nicht"
Religion, Glaube, Gottesfurcht bewährt sich deshalb gerade dann, wenn es gilt, Erfahrungen des Negativen zu bewältigen. Sie bewährt sich dann, wenn es um Einsamkeit, um Schmerz und Krankheit, um Verlust, Scheitern und Verzweiflung geht. Das ist kein angenehmer Gedanke, zu dem die Betrachtung hier führt. Aber wie könnte, was von der Passion Jesu ausgeht, "angenehm" sein? Es ist so: Glaube an Gott ist diejenige Kraft, die in der Verarbeitung negativer Erfahrungen, in dem Widerfahrnis des Schicksals, neues Leben eröffnet und einen neuen Weg weist. Das ist auch der Grund, weshalb im religiösen Denken und besonders in der religiösen Kunst und Poesie die Wegweisung Gottes so häufig mit der Endlichkeit des Lebens, der Sterblichkeit aller Kreatur und mit dem Todesgedanken verknüpft ist: "Herr, lehre doch mich, daß es ein Ende mit mir haben muß, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muß", heißt es in
Wer wollte sich angesichts dieser Situation der
Dass der Glaube Kraft geben kann, spürt und weiß man natürlich am ehesten, wenn er einem von zu Hause aus mitgegeben worden ist, wenn er seit langem im Leben verankert ist. Ein starker christlicher Hintergrund ist etwas ungeheuer Wertvolles. Er führt zu einer Sicherheit im Umgang mit sich selbst, weil man sich gar nicht sehen kann, ohne sich auch mit Gott zu sehen. Diese Sicherheit und Selbstverständlichkeit des Glaubens, diese wahrhafte Frömmigkeit, kann eine spätere Beschäftigung mit dem Glauben nur äußerst schwer erreichen. Der Glaube hat auch deshalb etwas mit Schicksal, mit der Kontingenz des menschlichen Lebens zu tun, weil er überhaupt zum Leben gehört und Bestandteil der lebendigen Welt ist.
Auch der Christ kennt die Angst vor Ausgrenzung, vor Mißachtung und Beleidigung, Demütigung und verlorener Würde. Diese Angst scheint mir im Hintergrund des Hebräerbriefes zu stehen. Deshalb greift der Verfasser an diversen Stellen auf jene priesterlichen Wendungen zurück, die aus dem israelitischen Kultus überliefert waren, und überträgt sie auf den neuen Hohepriester Christus. Deshalb spricht er vom Zusammenhang von Opfer und Sühne und zeichnet das Leben der Gläubigen als gewaltigen Leidenskampf unter Schimpf und Drangsal. Der Tod Jesu "draußen vor dem Tor" stiftet demgegenüber eine Gemeinde, die keine Gebundenheit in der Welt mehr aufweist. Auf sie sollen Macht und Autorität von dem Erlöser ausstrahlen und die erbärmliche Ungesichertheit seiner diesseitigen Getreuen kompensieren.
Doch die anspruchsvolle Form, in die der Hebräerbrief die christliche Heilsidee kleidet, ist für viele Christen problematisch geworden. Sie ist es nicht deshalb, weil sie sie für falsch hielten. "Richtig" und "falsch" sind an dieser Stelle keine brauchbaren Kategorien, und darauf sollten sich die Verteidiger der Rechtgläubigkeit auch gar nicht erst einlassen. Jene eigentümlich priesterlich-sakramentale Rede von der Erlösung ist vielmehr deshalb problematisch geworden, weil sie keinen Rückhalt mehr hat in dem, was viele tatsächlich glauben. Es handelt sich für sie nur noch um
Von "Züchtigung", vom "Kampf gegen die Sünde", davon, daß "bis aufs Blut Widerstand" geleistet werde müsse
Vielmehr ist von der Freiheit des Glaubens zu sprechen. Im einen Fall wird sie bewirkt durch Gottes Gebote, im anderen durch das Vorbild Jesu, dann wieder durch bestimmte Erfahrungen, die ich in der Beziehung zu Gott gemacht
Dem Verfasser des Hebräerbriefes ist viel um den wahren, den himmlischen Gottesdienst zu tun. Darin war er kein einsamer Prophet, und er konnte darauf rechnen, verstanden zu werden. Seine Bilder von einem geheimnisvoll geistigen Opfer- und Priestertum Christi haben über lange Zeit hinweg Menschen inspiriert. Von uns ist in dieser Hinsicht vielleicht wieder mehr Entschlüsselungsarbeit verlangt. Die Rede aber davon, daß wir "keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen", kann uns eben so viel bedeuten wie ihnen.
Amen.