"Zehn Gründe für ein gutes Leben" vom 07.10.2007
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist"
über Micha 6, 6-8;
am 22. Sonntag nach Trinitatis, dem 4. November 2007
in der Sühne-Christi-Kirche
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" vom 04.11.2007
"Wahrheit und Zeit" vom 18.11.2007
"Hinausgehen aus dem Lager" vom 09.03.2008





Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist


" 'Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?' - Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."


Liebe Gemeinde,

zuerst die Frage, dann die Antwort. Meist ist die Beziehung einfach. Manchmal aber weiß man nicht, worauf die Antwort eigentlich antwortet. Bisweilen auch wird die Antwort gegeben, bevor die Frage überhaupt gestellt ist, und noch häufiger müssen neue Fragen her, bevor die Sachen klarer werden können.

Ein gottesfürchtiger Mensch denkt über den rechten Weg zu Gott nach. Er spielt verschiedene Fälle durch, geht dabei von traditionellen Opferpraktiken aus, weitet die Möglichkeiten aber rasch ins Unermeßliche und kaum Durchführbare. Wie soll ein Einzelner "viel tausend" Widder opfern? Klar ist: Wie auch immer ich vor Gott trete, es bleibt die Anmaßung. Es geht gar nicht in erster Linie darum, wie ich in rechter Weise vor Gott trete, sondern daß es überhaupt geschieht. Der Irrtum oder auch das skandalöse Mißverstehen besteht darin, zu meinen, auf Gott zuzugehen bedeute, irgendwie aus der Sphäre des hiesigen, mir zugewiesenen Daseins herauszutreten. Als müßten mit solchem Auf-Gott-Zugehen ganz eigentümliche, sonst ungebräuchliche, eben kultische Handlungen verrichtet werden, und als läge wirklich etwas daran, wie dies besondere Verhalten beschaffen und in den Details ausgeprägt sei. Hat man diesen Weg erst einmal beschritten, dann ist im Grunde schon alles verloren. Dann ist die Kluft so groß und das Interesse, sie wirklich zu überbrücken, so klein, daß ein Vorankommen unmöglich wird. Wenn ich erst einmal anfange, mich um die rechte Ordnung meines Hinzutretens zu Gott mehr zu kümmern als darum, einen ersten Schritt tatsächlich zu tun, dann werde ich immer an der Stelle verharren, an der ich einmal stehe.

Die Frage "Womit soll ich mich dem HERRN nahen" wird offenkundig um der Antwort willen gestellt. Die Überlegungen des Gottesfürchtigen setzen die richtige Auskunft schon voraus, und nur unter dieser Voraussetzung erwägen sie, was gegenüber dem rechten Weg als unzulängliche Weise der Gottesannäherung erscheinen muß. Unzulänglich ist das ganze formalisierte und veräußerlichte Verfahren, ob es nun in seiner Quantität oder seiner Qualität bis hin zum Äußersten gesteigert wird. Es geht also um die Annäherung an Gott. Was der alttestamentliche Prophet sagt, ist dies: Die rechte Annäherung an Gott verlangt nicht, daß du, Mensch, dich zunächst einmal selbst erniedrigst, verleugnest und verneinst. Du bist auch vor Gott und ihm gegenüber kein Nichts. Vielmehr sollst du dich als der ihm nahen, der du bist. Umgekehrt verhüllt Gott sich nicht in seiner eigenen Hoheit. Sei dir also deiner selbst bewußt, wenn du dich erhebst, und besinne dich darauf, was du trägst, indem du dich auf den Weg machst.

Diese Formulierung bleibt haften: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert." Das heißt: Im Grunde ist bekannt, was man wissen muß, wenn es darum geht, wie man leben soll. Es gibt die Gebote, die den Willen Gottes zusammenfassen, und es gibt die Forderung, ihnen gemäß zu leben. Darin ist alles beschlossen. Mit diesem Vorsatz zu leben und diesem Bestreben zu folgen, ist gut. Wir blicken hier auf den Entschluß, die Absicht, und es ist ja wohl tatsächlich "überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille".

Vielleicht lautet ein Einwand: Warum da noch viele Worte machen, wenn die Dinge doch so klar liegen und es sogar eine schöne Formel von Kant dafür gibt? Das Problem ist die Verknüpfung dieses mehr ethischen Aspektes mit dem Stichwort "Gottesdienst". Es kann der Eindruck entstehen, als sei es zweierlei, sich über das rechte Leben Gedanken zu machen und über die Frage nachzudenken, wie ich verfahren soll, wenn ich "mich dem Herrn nahen" will. Der Prophet Micha will seinen Hörern sagen: Es handelt sich nicht um zwei verschiedene Bereiche. Wenn ich mein Leben Gott unterstelle, dann ist die Art und Weise, wie ich lebe, meine Form, mich Gott zu nahen. Das Leben des frommen Menschen selbst ist sein Gottesdienst. So ist, wenn wir dem Propheten folgen, das eigentliche Thema des Textes der rechte Gottesdienst. Man spürt, daß es eigentlich um die Beziehung zwischen Gott und Mensch geht, und deshalb machen auch wohl diese Worte "Es ist dir gesagt, Mensch ..." solchen Eindruck. Sie sind direkt an einen selbst gerichtet. Nicht oft wendet sich der biblische Text unmittelbar, in direkter Ansprache, an Leser und Hörer, indem er sagt: Du, Mensch, ich meine Dich.

Jedermann ist gemeint, alle, die sich auf Gottes Wort überhaupt ansprechen lassen und denen Gott nicht gleichgültig ist. Es ist hingegen nicht richtig, wie manche Ausleger meinen, die Anrede auf das Volk Israel einzugrenzen. Hier geht es gerade um die universale Geltung, darum, daß eben allen gesagt ist, was "gut" ist und "was der Herr fordert". Die andere unzutreffende Einschränkung bezieht sich auf den Hörer selbst. Es geht nicht nur um einen Teilbereich des Lebens, nur um den Sonntagvormittag etwa, wenn ich am Gottesdienst teilnehme. Auch das macht die Anrede "Mensch" deutlich. Denn sie bezieht sich auf mich als Zeitgenosse, als Bürger, als Berufstätiger, als Ehemann und Vater, als Mitglied dieses oder jenes Vereins usw., sie meint die Gesamtheit des menschlichen Daseins in allen Facetten.

Auffällig ist schließlich auch die Nebeneinanderstellung von dem, was "gut" ist, und der Forderung Gottes. Werden nicht beide geradezu identifiziert? Das legt die Frage nahe, ob etwas gut ist, weil Gott es fordert, oder ob, entgegengesetzt, Gottes Forderungen einem vorgegebenen Maßstab des Guten untergeordnet sind. Wie dem auch sei; hier ist nicht von allgemeinen sittlichen Forderungen die Rede, sondern von solchen, die "Dir" und mir selbst gelten und deren Umsetzung, mit allen Schwächen, allem Scheitern und Verfehlen, sich im Leben des Einzelnen abspielt. Das Gute ist im Alten Testament kein philosophischer Terminus, kein Gegenstand systematischen Nachdenkens, sondern es ist geradezu der Inbegriff der göttlichen Forderung. Auch das stellt die apodiktische Form des berühmten Verses klar.

Gerade hierin, in dieser unhinterfragbaren Eindeutigkeit, ist unsere Situation derjenigen des Propheten vergleichbar. Sein Satz "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" steht den kriegsbedingten Turbulenzen gegenüber, von denen seine Zeit geprägt war, als Jerusalem von den Assyrern belagert wurde und im ganzen Land der Jahwe-Gottesdienst zu bloßer Heuchelei verkommen war. Wir stellen einen solchen Satz den immer apokalyptischeren Visionen entgegen, in denen uns die Zukunft mehr und mehr als großes Horrorszenario erscheint.

Der Prophet erklärt: Wer Gott mißachtet, der zerstört sein eigenes Leben. Dieser kritische Radikalismus und seine rücksichtslose Konsequenz sind typisch für den unerschrockenen Propheten. Es ist wohl auch nach wie vor möglich, den Wahrheitsgehalt seiner Rede zu erkennen, und doch ist es für uns schwer geworden, die Religion zum Dreh- und Angelpunkt aller Lebensbetrachtung zu machen. Wir scheuen uns vor den Absolutismen der traditionellen religiösen Sprache und suchen lieber nach sanfteren Ausdrucksformen für das Grundgefühl der Gottesbeziehung. Solch einen Ausdruck bietet der Micha-Text. "Was gut ist und was der HERR von dir fordert", das ist "Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott". So übersetzt Luther, und so habe ich eingangs den Text auch gelesen, weil dies bis heute die Textversion der Lutherbibel ist. Doch wollen wir dabei nicht stehenbleiben. Wie so oft stellt Luther auch an dieser Stelle theologische Überlegungen vor die Wort- und Sinntreue. Es heißt im hebräischen Originaltext nicht "Gottes Wort halten", sondern dort steht "Recht üben". Der ursprüngliche Wortlaut ist auch nicht getroffen, wenn Luther formuliert: Du sollst "demütig sein vor deinem Gott". Besonders hier können wir die Stimme des Reformators hören. Der Prophet Micha spricht davon, daß man "bedachtsam" oder auch "achtsam" "mit Gott wandeln" solle. Genau genommen heißt es bei ihm: "Man hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir verlangt, nämlich Recht tun und Güte lieben und bedachtsam wandeln mit deinem Gott." Du sollst dein Leben bewußt und verantwortungsvoll führen und den Willen Gottes achten. Das ist es, worum es geht und was der Prophet sagen will. Die Verhältnisse sind klar. Hier kann es auch für den religiösen Menschen, jenen Gottesfürchtigen, der sich die Frage danach stellt, wie er Gott nahen solle, keinen Zweifel geben. Es ist nicht nötig, sich in irgendwelche esoterischen Abenteuer zu verlieren, den "bedachtsam" heißt so viel wie "einsichtig" und meint ein Tun, das aus einer nüchternen Beurteilung gegebener Tatsachen folgt. Religion hat beim Propheten Micha keinen Anstrich von Irrationalität oder gar von Wahnvorstellungen. Und auch, was wir "Gott" nennen, hat nichts zu tun mit einer lila Lichtsäule, die ich vor meinen Augen errichte, und mein Glaube nimmt nicht die Stelle einer therapeutischen Begleitung ein, die andere wirklich so dringend brauchen, vielleicht auch deshalb, weil ihnen Gott abhanden gekommen ist.

Es handelt sich also um eine Form von Gottesdienst, um die es hier geht. Die Grundaussage lautet: Gott wird angemessen geehrt im rechten Tun. Dieser Gedanke findet sich nicht allein beim Propheten Micha. Man könnte zahlreiche weitere Stellen aus den prophetischen Texten heranziehen, zum Beispiel aus Jesaja und Hosea, zwei Zeitgenossen Michas. Aber auch im Neuen Testament steht Ähnliches, und zwar gerade im Gegenüber zu einer falschen Auffassung vom Kult. Von Jesus werden im Zusammenhang seiner Bergpredigt folgende Worte überliefert: "Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe" (Mt 5,23). Auch für Jesus ist Frömmigkeit in erster Linie Befreiung, und zwar eben auch von jeder Art Götzendienst. Noch schärfer als Micha hat der Apostel Paulus den Gläubigen klargemacht, was zu tun ist: "Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst" (Röm 12,1).

Das prophetische Wort weist in eine bestimmte Richtung, und in dieser Richtung liegt das gute Leben. Das ist unsere Auffassung. Wenn ich "bedachtsam wandle mit meinem Gott", dann kann es mir nicht geschehen, daß ich mich verliere, sei es im Chaos des Alltäglichen, sei es im Sog des Besonderen. Dann brauche ich nicht vor mir selbst wegzulaufen, und dann liegt mir beim Aufstehen der Gedanke einfach fern, ob es an diesem Tag wohl irgend etwas Sinnvolles geben wird, das ich tue, oder ob zu den üblichen Runden im Laufrad heute noch ein paar weitere hinzukommen. Für mich gilt vielmehr: Ich sehe dem Tag entgegen, vielleicht nicht immer mit Freude, aber doch mit Mut.

"Wandle bedachtsam mit deinem Gott" - diese Worte könnten sogar Menschen die Stärke verleihen, schweren und selbst schwersten Widerfahrnissen zu begegnen. Die Stärke besteht dann darin, ihnen trotz des Leides und der bitteren Erfahrungen nicht einzuräumen, daß die Fähigkeit zerstört wird, Nützliches und Gutes zu tun.

Lassen Sie uns aber für heute daran genug haben, daß wir wissen, worum es geht. "Wandle bedachtsam mit deinem Gott", das ist eine gute Maxime auf dem Weg. Sie ist gewiß schwer, aber man kann sie beherzigen. Sie hilft aus der Ratlosigkeit heraus, in die jede Opferpraxis, ob materiell oder seelisch, führt. Wir bedürfen auch keiner besonderen Gesetzes- oder Heilsoffenbarung, da wir die Erinnerung an Gottes gute Führung haben. Das Gute, um das es für uns geht, richtet auf, es erhebt und erfreut. Es heilt zerbrochene Gemeinschaft, gibt Beistand und verbindet. Es setzt auf das Recht; es verwirklicht sich aber mehr noch in Güte und Solidarität. Es fördert, es führt weiter, und insofern ist es ein Segen.

Amen.



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