"Zehn Gründe für ein gutes Leben" vom 07.10.2007
"Wahrheit und Zeit"
über Offenbarung 12, 10
am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 18. November 2007
in der Sühne-Christi-Kirche
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" vom 04.11.2007
"Wahrheit und Zeit" vom 18.11.2007
"Hinausgehen aus dem Lager" vom 09.03.2008





Wahrheit und Zeit


"Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Gesalbten; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott."


Liebe Gemeinde,

das Zeugnis fremder Wahrnehmungen öffnet auch den eigenen Blick. Mit dem "Tagebuch des Capitains Theodor Philipp Wilhelm von Papet über den Feldzug in den Niederlanden 1814/15" folge ich diesem Soldaten auf seinem Weg durch Stadt und Land der Region. Unter dem 12. September 1814 findet sich folgende Eintragung: "[12.] Kam das Bataillon nach Gand [Gent], einer der größten Städte dieser Provinz. Sie hat 15.000 Häuser. Die Straßen sind irregulär, und nur einige Märkte schön. Die Cathedral Kirche ist nach alt gothischem Geschmack erbaut. Das Gewölbe ist vorzüglich schön. In der Mitte ohngefähr der Kirche rechts ist die Kanzel, durch die Statuen Wahrheit und Zeit in Lebensgröße von weißem Marmor getragen. Über sie schwebt ein Engel, welcher nach dem Himmel weist. Laurent Delvaux ist der Meister. Die Figuren sind schön gearbeitet. Die Bekleidung des Hochaltars sowohl wie die Säulen sind von weißem Marmor."1

Der Künstler hat die "Wahrheit" und die "Zeit" in Statuengestalt dazu bestimmt, die Kanzel zu tragen. Delvaux (ca. 1695-1778) gilt als Meister der niederländischen Bildhauerzunft, und die Kanzel der Kathedrale St. Bavo in Gent, fertiggestellt im Jahre 1745, ist sein herausragendes Werk. In der Tat handelt es sich um ein beeindruckendes Monument, vor dem man ohne weiteres mit Ehrfurcht verweilen kann. Solche Gefühle des Respektes und der Erbauung zuzulassen, ist meines Erachtens unproblematisch. Es wäre vielmehr hochmütig und sinnlos, wenn ich mich von den Werken anderer nicht anregen lassen wollte. Insbesondere die Religion lebt zu einem nicht geringen Teil von solchen Eindrücken. In ihr spielen Überlieferung und Herkommen eine große Rolle. Texte, Gemälde, Kompositionen, Kunstwerke aller Art, auch jene beiden Statuen in Gent, waren stets Motoren des religiösen Lebens, und oft haben sie als Garanten dafür gewirkt, daß das fromme Gefühl nicht irregeht. Sie sind insofern nicht bloß Dokumente dessen, was ein begnadeter Autor oder Künstler zu schaffen vermochte, sondern sie wirken selbst an der Weitergabe des Glaubens mit. Sie haben einen aktiven Anteil am Glaubensleben.

Dies scheint mir gerade angesichts des evangelischen Glaubensverständnisses hervorhebenswert zu sein. Der Protestantismus räumt ja dem einzelnen Gläubigen eine große Freiheit in seinen religiösen Gefühlen und Empfindungen ein. Das bedeutet aber auch: Vieles zerfließt ins Ungefähre und Mystisch-Esoterische. Oft böte sich, wenn man es darauf anlegen wollte, Gelegenheit, sehr absonderlichen Ideen entgegenzutreten; jeder, der Einblick in die seelsorgerlichen Situationen hat, weiß das. Der Umstand, daß innerhalb der religiösen Welt immer wieder Fälle von Exzentrizität auftreten, erstaunt nicht. Die Geschichte des Christentums ist voll davon, und man kann etwa auch weite Strecken der Johannes-Apokalypse als Ausdruck einer wahrhaft exzentrischen religiösen Phantasie lesen.

Doch damit nicht genug. Der Vorwurf der intellektuellen Absonderlichkeit erstreckt sich über einzelne konkrete Vorstellungen hinaus oft auf die Religion an sich. Nach weit verbreiteter Auffassung schließt der Glaube die Bejahung von Aussagen ein, die sich mit Logik und Verstand allein nicht erfassen lassen. Wie das nun auch sein möge - ein gewisser Widerspruch hiergegen wäre wohl möglich -, so wird man doch kaum bezweifeln können, daß jedenfalls auch nur Klarheit und Eindeutigkeit im Blick auf religiöse Vorstellungen selten zu erzielen sind. Nicht einmal die Berufung auf die Heilige Schrift gibt eine Gewähr für Einmütigkeit, weil Gegenbelege und Verstehensdifferenzen das Schriftzeugnis in den Streit der Meinungen hineinziehen. Das biblische Wort ist nicht selten nur kurzfristig eindeutig, und zwar solange, wie es dem Nachdenken und der Diskussion entzogen wird.

Man muß in Rechnung stellen, daß Ehrfurcht und Respekt in eine falsche Bahn gelenkt werden und daß sie, in Verbindung mit bunter Phantasie, im angeblichen Dienst der Wahrheit zu groben Verfälschungen führen können. Hiervor schützt nur der Kontext, in dem die Vorstellungen und Glaubensaussagen stehen. Zwar bezeichnet der Begriff Religion zunächst die Art und Weise der Beziehung zwischen Mensch und Gott. Insofern ist sie eine Sache des frommen Einzelnen. Auf der anderen Seite aber ist dieser Einzelne ihrer immer nur im Miteinander und Zusammensein mit anderen religiösen Menschen inne, und zwar mindestens solchen, die ihn teilhaben ließen an ihrem eigenen Glauben und von deren Zeugnis er einst ausging, auch wenn ihm das später kaum mehr bewußt ist. Religion individualistisch zu denken, ist also im Grunde nicht möglich. Außerhalb und ohne solchen Zusammenhang verflüchtigt sich der Sinn eines religiösen Satzes und kann kein religiöser Geist gedeihen.

Es ist notwendig, daß man sich unablässig um die Wahrheit bemüht. Sie steht in unserem Erkennen nicht ein für alle Male fest und ist nicht schlechterdings unveränderlich da, so daß man ihrer jederzeit habhaft werden könnte. Das Glaubenszeugnis des Einzelnen setzt die Existenz der frommen Gemeinschaft voraus. Auf sie hin spricht er es aus; von ihr her kommend hat er sein Vokabular. Deshalb gilt auch: Die Wahrheit, zu der ich mich bekenne, ist diejenige Wahrheit, die mir erkennbar ist. Solange ich in der Zeit lebe, bleibt auch meine Erkenntnis der Wahrheit an die Zeit gebunden, so wie Wahrheit stets und immer nur Wahrheit in der Zeit sein kann. Unter den gegebenen Bedingungen des Daseins ist die Verknüpfung von Wahrheit und Zeit unlösbar.

Dies scheint mir der eigentliche Gegenstand zahlreicher Passagen aus der Johannes-Apokalypse zu sein und insbesondere auch der eingangs angeführten Stelle aus dem zwölften Kapitel. Es erstaunt nicht, wenn sich als Thema einer apokalyptischen Visionsschilderung gerade die Zeitlichkeit der Wahrheitserkenntnis erweist. Denn der Zusammenhang von Wahrheit und Zeit konkretisiert sich erst recht aus der imaginierten Endzeitperspektive. Alles Sein und Leben bleibt solange den Bedingungen der endlichen Beschränkung, den Verfehlungen und Verirrungen des schmerzunterworfenen Daseins ausgesetzt, bis an die Stelle der Zeit die Nicht-Zeit oder, wie es in der Apokalypse heißt, die "Ewigkeit" getreten ist, als jene Zeit, die nicht vergeht (Offb 11, 15). In einer eigenen Vision wird dieser Gedanke entwickelt: "Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit [...]:
Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes, wie er es verkündigt hat seinen Knechten, den Propheten" (Offb 10, 5-7). Ein letztes "Dann" geht der abschließenden Offenbarung voraus, die die Identität von ewigem Gott und Schöpfergott erweist.

Das ist die ganz große apokalyptische Inszenierung. Auf diesem Theater würde aber, bei allem Aufwand, doch letztlich ein fernes, fremdes und uninteressantes Stück gegeben, wenn es nicht auch Raum böte für die Frage, welche Folgen der errungene kosmische Sieg für das Leben im Hiesigen und Wirklichen hat. Denn ohne den Menschen wäre der Geist stumm; er wäre da, aber keine Wahrheit könnte von ihm ausgehen. Die endzeitliche Gerichtsperspektive - und sei es in der Form der Wiederkehr Christi - muß auf den einzelnen Lebenslauf bezogen werden. Nicht ohne Grund tritt gerade an der herangezogenen Stelle aus Offb 12, 10 der Seher zum ersten Mal mit seinem Ich hervor.

Tatsächlich realisiert sich der Zusammenhang von Wahrheit und Zeit als Entwicklung. Keine Biographie verläuft jenseits dieses Zusammenhanges. Jedes einzelne Leben ist verknüpft und verbunden mit einer unübersehbaren Vielzahl anderer Lebensläufe und Geschehnisse, und zwar unabhängig von der speziellen Art der Beziehungen zu anderen Menschen. Unter eine endzeitliche Perspektive kann diese Verknüpft- und Verbundenheit deshalb gestellt werden, weil Urteile über die Lebensdienlichkeit der Beziehungen erst in der Zukunft gefällt werden. So sicher aber dort ein Urteil gesprochen werden wird, so gewiß ist auch, daß jede Gegenwart selbst schon eine Art Gericht darstellt, und man muß nicht auf den Teufel zurückgreifen, um dem "Verkläger" ein Antlitz zu geben.

Das Dasein ist schwierig und beschränkt. Oft ist, wenn wir den Aufgaben kaum nachkommen können, nichts anderes schuld als die bloße Unrast des Alltags, der man die Konzentration selbst noch auf die dringlichsten Pflichten förmlich abringen muß. Oft aber geht die Beschränkung auch auf das In-Sich-Kreisen zurück, das wie ein Fluch auf dem menschlichen Tun und Wollen lastet. Die Johannes-Apokalypse stellt diese Situation als Kampf dar und behauptet, daß es ein Entkommen, ein Überwinden und Gesiegthaben geben kann.

Mir scheint in sehr einfacher Gestalt diese Einsicht zu bedeuten, daß ich von dem vorgestellten Ende meines Lebens her sagen können will: Da sind Menschen, die mir etwas verdanken und für die ich wichtig war. Im Miteinandersein mit ihnen habe ich, und wenn auch nur für einen Moment, jenen Kreis durchbrechen können. Ob es sich wirklich so verhält, kann in letzter Endgültigkeit keine Zeit erweisen; solche letzte Klarheit bleibt derjenigen Zukunft vorbehalten, in der die Zeit nicht mehr vergeht. - Der Glaube ist alt, doch muß seine Wahrheit stets aufs neue, in der Zeit, erfaßt und angeeignet werden. Ein Gedanke, eine Erkenntnis mag noch so lange in Geltung stehen, dies gibt uns dennoch keine Gewähr für ihre Wahrheit, - ebensowenig können wir Vertrauen auf einen Satz nur deshalb setzen, weil Viele sich zu ihm bekannt haben. Erst mit der neuen, eigenen Aneignung wird die Wahrheit des Glaubens selbst erneut real; sie wird selbst als etwas Neues erfahren und neu gestaltet. Sie kann nicht in bestimmten Lehrsätzen fixiert und über alle Zeit hinweg tradiert werden, wie es etwa mit mathematischen Sätzen möglich ist. Es geht ja hier um eine Wahrheit, die nur im religiösen Gefühl erfahren werden kann, und bleibt sie unerlebt, dann verflüchtigt sie sich, dann weicht ihr Geist auch aus den überlieferten Formulierungen, und diese selbst bleiben als leere, lebensentleerte Hüllen zurück.

Insofern bilden die "Wahrheit" und die "Zeit" die Stützen nicht nur der Predigt, sondern sie bedingen in ihrem Ineinander auch die Wahrnehmung und das Verständnis dessen, was gehört wird. Die Einsicht in Gottes Wort und in seine gute Weisung sind Teil eines Weges, den man beschreitet; sie wächst und wandelt sich, wie auch das Leben selbst wächst und sich wandelt. Jedes Verhältnis zu Gott ist ein Unterwegs-Sein zu ihm; alles andere läuft auf eine Bemächtigung hinaus. Grund und Wesen des Verhältnisses zu Gott aber ist das Vertrauen, die tiefe Zuversicht zu ihm und seinem Rat. Je mehr solche Zuversicht im Herzen zunimmt, desto näher kommt man ihm, bis es dann, visionär erschaut, auch heißen kann: "Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden."

Amen.


1Tagebuch für T. P. W. v. Papet Capitain im Osnabrücker Feld Baton. angefangen zu Nimwegen bzw. dies zu Brügge. Ediert mit einer Einleitung von Ditmar Haeusler; zugänglich unter: http://www.amg-fnz.de/quellen/papet_II/index.php, hier: Band I, S. 51-52 (9. November 2007). - Gent ist heute die Hauptstadt der belgischen Provinz Ostflandern.



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